Nachfolgende Ausführungen sind ein Widerspruch in sich selbst. Die Erkenntnis, dass sich jugendszenische Kulturen ausschliesslich selbst definieren, steht einer Sammlung von Behauptungen und Thesen gegenüber. Gut abgepolstert in über 20-jähriger soziokultureller Berufserfahrung und – nicht minder prägend – in jahrzehntelanger Erfahrung als „Berufsjugendlicher“. Heutzutage ist man bekanntlich schlimmstenfalls so alt wie man sich fühlt. Ausserdem trage ich auch im Winter Turnschuhe, die man heute Sneakers nennt, und ich spiele immer noch laut Gitarre in einer noch lauteren Band. So weit so berufen also, mich trotz selbstkritischer Vorbehalte aus dem Fenster zum Hof der Jugendkulturen zu lehnen.
Von George Hennig, Geschäftsführer der BFA
Eins vorweg: Jugendkultur ist ein Begriff, der für Jugendliche keine Bedeutung hat.
Sie nehmen ihn zur Kenntnis wenn er von Politik oder Medien benutzt wird. Allerdings wissen Jugendliche - im Gegensatz zu den Erfindern des Begriffs - was damit gemeint ist. Die Bezeichnung entstammt einer gesellschaftlichen Meta-Reflexion, die zu fassen versucht, was sich ihr, der innersten Bestimmung folgend – entzieht.
Jugendliche tanzen doch auch so ausdrucksstark!
Wirklich? Was ist denn mit all den unzähligen Kreativventilen, mit Hilfe derer Jugendliche um Ausdruck ringen - eher als Existenzbeweis denn als Veränderungsbeitrag? Es gibt doch so viele begabte, meist originell frisierte junge MusikerInnen! Und Jugendliche tanzen doch auch so ausdrucksstark! Sogar Theater wird von Jugendlichen gespielt. Ist das Jugendkultur? Klar, auch. Wobei der vormals szenische Code im Falle junger KünstlerInnen von der vorherrschenden Kulturdiskussion in kuratorische Werteskalen getrimmt wird – und damit die pionierhafte Authentizität, die „Credibility des Unfertigen“, den Kern seines Wesens verliert.
Jugendkultur basiert auf einem Weltenmix
Jugendkultur bezieht Energie und Inspiration aus Alltags- und Populärkultur, aus trivialen Comics und absurder Musik, aus einem Weltenmix aus Mode, Sprache, Handy, Facebook, Skateboard, Muttenzer Kurve und der Filzstift-Signatur des Schulkollegen auf dem Busfahrplan. Ominpräsent und doch nicht fassbar. Spontan selbstgemacht wie konsumorientiert. Jugendliche nutzen jedwelche Einflüsse und Ausdruckskanäle sowohl für Abgrenzungs- wie auch für Selbstdeutungs- und Zugehörigkeitsprozesse. Natürlich gehört auch Berauschendes in genussvoller wie exzessiver Art dazu. Auch hier wird dem nachgelebt „was schon da ist“, wird sowohl die überlieferte Faszination wie auch die verdrängte Heuchelei des gesellschaftlichen Umgangs mit Genuss- und Rauschmitteln lustvoll adaptiert, gespiegelt und überzeichnet.
Jonglage mit den Elementen des Vorhandenen
Jugendkultur bedient sich und lässt sich bedienen, verweigert Dank und Bezahlung, verschluckt Bestehendes und spuckt es verfremdet wieder aus. Jugendkultur ist eine Jonglage mit Elementen des Vorhandenen, und in diesem Sinne ein Massenphänomen, das darauf besteht, alles zu dürfen - und nichts zu müssen. Niederschwellig, nein – schwellenlos und anmassend. Bis nun eben die Kulturförderung daherkommt, und wissen möchte, wie man Indikatoren an jugendlicher “Nachahmungsschöpfung” festmacht. An einer Ästhetik, die alles spiegelt und verzerrt was besteht – inklusive und vor allem – die Peil- und Messlogik herkömmlichen Kulturverständnisses. Jugendkultur ist also „alles andere“. Und wie sollte man so etwas fördern? Sparten definieren? Benoten und die Besten akademisieren? Weiter daneben geht kaum. Was dann? Voraussetzungen schaffen. Zulassen. Nicht verhindern. Und – ganz schwierig: sich weitestgehend raushalten.
Manifestation des Unaussprechlichen
Jugendkultureller Ausdruck strebt nicht nach künstlerischen Höhen. Die entstehen höchstens beiläufig. Es geht darum, ein Teil davon zu sein. Mittendrin. Beispiel Rockkonzert: vor und auf der Bühne entstehen sich gegenseitig bedingende Beiträge einer Manifestation des Unaussprechlichen, das Fachleute Jugendkultur nennen. Uns bleibt das respektvolle Staunen aus der Halbdistanz.
“Das Fenster zum Hof” (Rear Window, Alfred Hitchcock 1954, James Stewart, Grace Kelly) ist in erster Linie ein Film über das Sehen und über das Interpretieren des Gesehenen. Was geschieht wirklich, und was ist bloße Einbildung? Die Unsicherheit über das Beobachtete veranlasst den Voyeur dazu, seine passive Position aufzugeben und sich in die Geschehnisse einzumischen. Dennoch bleibt er an seine Beobachterposition gebunden - er kann nicht direkt agieren und eingreifen… (aus “Alfred Hitchcock Homepage”: http://members.liwest.at/holzner/Default.htm)
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