„El greco“ und der Papst vom Gundeli

Das Sommercasino und seine Nachbarn. Eine nicht immer harmonische Verbindung. Ich erinnere mich an längere, dissonante Phasen und hartnäckige Konflikte. Das Soca hat mit vielerlei Massnahmen dazu beigetragen, dass sich die Situation seit einigen Jahren weitgehend beruhigt hat. Und es gab und gibt immer auch die freundlichen Begegnungen mit Leuten aus dem Quartier, die Arbeit und Engagement der Soca-Crew respektieren, die der „Jugend von heute“ auch Positives abgewinnen. Mit der Zeit lernt man sich kennen. Es entstehen Beziehungen. Aus Gesichtern, die man im Vorbeigehen wahrnimmt, werden Menschen mit Geschichten.

Von George Hennig, BFA-Geschäftsleitung

„Also dann - à la prochaine“
Herr Wagner (Jahrgang 1915!) zum Beispiel ist ein älterer Herr (alter Mann – obwohl faktisch richtig – passt hier nicht), der oft von der Casinostrasse 8 durch den Park Richtung Tramhaltestelle Denkmal flaniert. Aus regelmässigem Grüssen wurde irgendwann ein Gespräch, wir stellten uns einander vor, weitere Begegnungen folgten. Beim Namen Hennig kam er ins Grübeln; da war mal einer aus dem Freundeskreis seines Bruders, könnte sein, vom Jahrgang meines Vaters her würde es passen. Herr Wagner war viele Jahre Gymasiallehrer im RG, und einen kurzen Schwatz pflegt er jeweils mit „also dann – à la prochaine“ stilvoll zu beenden.

Besuch gewünscht, gegen halb elf
Seit ich in der BFA-Zentrale im Waisenhaus arbeite, sehe ich ihn nur noch selten. Eines Tages erhielt ich einen Brief von ihm, dem er das Gedicht „Im Sommerkasino“ des Basler Mundartdichters Dominik Müller beilegte. Ich bedankte mich schriftlich, worauf er mir zurück schrieb – ich solle ihn anrufen. Was ich tat. Herr Wagner befand, es sei an der Zeit, dass ich ihn besuche, übernächste Woche, so gegen halb elf, auf einen Campari (!). Am Telefon stellte er mir – ganz Lehrer - eine Aufgabe: falls ich ihm sagen könne, was für ein bestimmtes Rot die Fassade seines Hauses habe, bekäme ich von ihm fünf Franken. Sollte ich es erst beim zweiten Mal raten treffen, gäbe es noch vier Franken, usw..

Salzstangen und Campari
Mit einer Linzertorte gerüstet schritt ich an besagtem Datum Richtung rotes Haus Nummer 8 an der Casinostrasse. Gleich nach der Begrüssung offerierte Herr Wagner Salzstangen und den angekündigten Campari. Er fragte nach meinem Wissensstand punkto Fassaden-Rot. Ich musste passen. Genüsslich erzählte er mir die Geschichte von „el greco“, dem griechischen Maler, der in Toledo landete, dort erfolgreich war, und seine Bilder mit einfachen geometrischen Formen im von ihm „erfundenen“ „Toledo-Rot“ signierte, das man auch für die Fassade des Hauses wählte, in dem er seit Jahrzehnten wohnt.

Aus guter alter Zeit
Das Gespräch nahm Fahrt auf. Er assoziierte immer mal wieder beim einen oder anderen Stichwort eine Geschichte – ob ich sie hören wolle? Sehr gerne, - kam mir doch mein Alltag (aus dem ich wenige Auszüge zum Besten gab) im Vergleich zu den verklärten Schilderungen aus „guter alter Zeit“ etwas gar trocken vor. Z.B. erzählte er mir die Geschichte, als der 15-er „abgeschafft“ werden sollte. Herr Wagner nahm damals mit der BVB-Direktion Kontakt auf, und erklärte den Herrschaften, wie unvorstellbar es sei, keinen 15-er mehr kursieren lassen zu wollen, nicht zuletzt weil die 15 auch sein Jahrgang sei! Inwieweit sein Intervenieren damals dazu beitrug, den 15-er zu „begnadigen“, liess er schmunzelnd offen.

Ein scheinheiliger Geistlicher
Oder dann die Geschichte über den „Papst vom Gundeli“, den scheinheiligen Geistlichen, der den Basler Sündigen jeden Sonntag ins mehr oder minder reuige Gewissen redete. In der gleichen Episode gab’s auch den Bäcker, der sich eines Morgens (wegen Unwohlseins) von der Backstube unverhofft zurück nach Hause begab, und einen fremden Mann im Bett seiner Frau erwischte, und diesen ohne Drumrumreden kurzerhand die Treppe runter warf. Am drauffolgenden Sonntag machte der Pfarrer einen wenig päpstlichen, sondern auf’s übelste lädierten Eindruck, den einen Arm in der Schlinge, ganz und gar wie nach einem gemeinen Sturz...

Diese freundliche Vitalität
Die Stunde verflog rasant, und wir verabschiedeten uns auf ein zufälliges Wiedersehen. Ich hatte das Gefühl, beschenkt worden zu sein. Beeindruckt von der freundlichen Vitalität meines Gastgebers machte ich mich auf den Weg zurück ins Sommercasino, wo ich noch etwas zu besprechen hatte. Ich hoffe, Herr Wagner bleibt fit und gesund und dem Quartier noch lange erhalten. Im Anhang das (für sich selbst sprechende) Gedicht, das er mir kürzlich zustellte.

Im Sommerkasino
(Dominik Müller, 1871- 1953)
In des Kasinos Sommergarten
Die späte Dämmerung versprüht,
Und mit dem Mondlicht, mit dem zarten,
Die Bogenlampe niederglüht.

Seltsam sieht man ihr Licht sich mischen
Mit rötlichem Laternenschein,
Die Leute plaudern an den Tischen
Bei Limonade, Bier und Wein.

In hellen Sommerkleidern sitzen
Viel Damen da von gutem Ton,
Rot schimmern draus Studentenmützen,
Wie aus den Margeriten Mohn.

Vom Pavillon spielt das Orchester,
Ein angenehmes Musikstück,
Bald klingt es sanft, bald wieder fester,
Man wiegt sich in Erinnerungsglück.

Jetzt kommt die alte Blumenliese
Und hält in ihrem Arm, dem welken,
Mir ihren Korb hin, und ich niese,
So innig duften ihre Nelken.

Die Nächsten schauen sich entrüstet
Nach ihrem Ruhestörer um,
Hierauf, wonach mich längst gelüstet,
Spazier ich noch im Park herum...

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