Erfolgsfalle Jugendarbeit


Von Albrecht Schönbucher, Geschäftsführung BFA

Vor nicht allzu langer Zeit machten in der Fachwelt Schlagzeilen die Runde, welche von eine „Krise der offenen Jugendarbeit“ sprachen: Vielerorts musste deswegen eine konzeptionelle Antwort auf die rückläufige Nutzung von Jugendzentren gefunden werden. In Basel hingegen war dieses Phänomen zu keiner Zeit zu spüren. Vieles deutet darauf hin, dass dieses Ausbleiben einer „Krise am Rheinknie“ der stets bedarfsorientiert ausgerichteten Arbeit unserer Basler Freizeitaktion (BFA) geschuldet ist, die heranwachsende Generationen stets aufs Neue anzog und zu begeistern vermochte.

Ein Schlüssel für erfolgreiche Jugendarbeit

Seit Jahren hat sich bei der Basler Freizeitaktion, die sieben der neun städtischen Jugendhäuser betreibt, die Erkenntnis durchgesetzt, dass Treffpunkte mit mehreren Räumen und einer zeitgerechten Infrastruktur ein Schlüssel für erfolgreiche Jugendarbeit sind. Natürlich gepaart mit einer klaren Konzeption, umgesetzt von unternehmerisch denkenden, motivierten MitarbeiterInnen. Die Zeiten, in denen eine kleine Holzbaracke - unter Leitung eines einsamen Pädagogen - die Jugendlichen eines ganzen Quartiers „von der Strasse holen“ konnte, sind sicherlich vorbei (wenn es sie denn in der Realität je gab). Zur „Krise“ führte ja gerade die Tatsache, dass solche Treffs häufig von einer einzigen dominanten Clique besetzt waren – in der Regel von den Kids mit den kräftigsten Ellbogen.

Dem Bedarf Rechnung tragen
Die BFA versucht, wo immer möglich, diesem jugendlichen Bedarf nach Raum Rechnung zu tragen. 2003 gelang es uns, gemeinsam mit dem städtischen Auftraggeber, den mehr als 300 Quadratmeter grossen Treff im Neubad zu eröffnen, 2006 erfolgten dann der Einzug ins neue zweigeschossige Jugi Gundeli (seit kurzem heisst das Haus „Purple Park“) sowie der Umzug des grössten Kleinbasler Treffs vom alten Reihenhaus „Barracuda“ ins weiträumige Etablissement unter der Dreirosenbrücke.

Binnen eines Jahres um 44 Prozent gestiegen
Seither scheinen unsere Rufe nach einem Aus- oder Neubau der letzten noch bestehenden Barackentreffs (Eglisee, Bachgraben) und nach mehr Raum für den einzigen Mädchentreff im Nirgendwo zu verhallen. Nicht nur das: Unsere Jugendtreffs platzen zum Teil förmlich aus allen Nähten, wegen des markant gestiegenen Ansturms. Als Beleg dafür mögen die Halbjahreszahlen 2010 dienen: Um unglaubliche 44 Prozent, von 28'900 auf 41'600 BesucherInnen, stieg die Nutzung aller sieben BFA-Jugendhäuser – und dies binnen eines einzigen Jahres!

             Grafik Halbjahreszahlen
Besuche der 7 Jugendtreffpunkte der BFA
                          (Datenbasis: tägliche Erfassung aller Nutzungen)

Der Sinn grösserer Einrichtungen
Schauen wir uns die Einrichtungen im einzelnen an, stellen wir erhebliche Unterschiede fest. Durchschnittlich 11'100 Jugendliche – im nationalen Vergleich eine riesige Zahl – nutzten 2009 die vier grossen Treffs (im Schnitt über 400 Quadratmeter Nutzfläche) - gegenüber 2'800 in den drei kleinen (durchschnittlich ca. 150 Quadratmeter Nutzfläche). Begleitet werden die NutzerInnen der grossen Häuser von je zwei ausgebildeten MitarbeiterInnen im Schnitt. In den kleinen Einrichtungen von lediglich je 1.5 MitarbeiterInnen. Dies belegt, auch in einer betriebswirtschaftlichen Dimension, den Sinn grösserer Einrichtungen.

Eine breite Vielfalt ansprechen
Nur die grossen Treffs konnten ihr Ziel realisieren, eine breite Vielfalt an Jugendlichen, Nationalitätengruppen, Subkulturen und Szenen anzusprechen. Ganz einfach, weil hier verschiedene Nutzungsformen parallel stattfinden können: Workshops neben traditionellen Öffnungszeiten, Abend-Veranstaltungen nach pädagogisch geprägten Nachmittagen, betreute Zeiten vor oder neben selbständigen Nutzungen durch verantwortungsbewusste Jugendliche. Möglich wird dies auch deshalb, weil jene Kultur eines „Miteinanders“ von unseren Teams als elementares Lernpotenzial begriffen wird! Im Hintergrund scheint beim Basler Erziehungsdepartement allerdings an Konzepten gearbeitet zu werden, die eher in Richtung kleiner, kostengünstiger Räume weisen. Wir als Fachleute sind in diese Planungen bislang in keiner Weise involviert worden - und stehen dieser Entwicklung, aufgrund unserer Erfahrungen, die durch reale Arbeit mit Jugendlichen gewonnen wurden, eher skeptisch gegenüber.

Räumliche Aufwertung als Erfolgsfaktor
Aufgrund der räumlichen Aufwertungen haben in den letzten Jahren viele Jugendliche zu uns gefunden, die sich früher schlicht nicht in einen Jugendtreff getraut hätten. Jugendliche, die aber sehr wohl Experimentier- und Entwicklungsräume benötigen. In knapp vier Jahren stieg beispielsweise die Nutzung durch Schweizer Jugendliche von 23 Prozent auf 47 Prozent. Die Verteilung nach Nationalitäten in unseren Jugendhäusern entspricht erstmals beinahe der Normalverteilung der Altersgruppe Jugend in Basel-Stadt. In den Quartieren, bei unseren Partnerinstitutionen wie Schulen, Polizei oder Quartiervereinen wird sehr wohl erkannt, welch hoher Nutzen auf diese Art für das Gemeinwesen entsteht, wie häufig frühere Brennpunkte entschärft werden, wie Jugendliche für ihren Werdegang profitieren! Gerade eine enge Stadt wie Basel braucht solche Freiräume für Kinder und Jugendliche!

Seit Jahren hat sich nichts mehr bewegt
Für uns ist es deshalb unverständlich, warum sich trotz aller Gespräche mit den kantonalen Auftraggebern, trotz aller nachvollziehbaren Erfolgsnachweise von unserer Seite, seit vier Jahren nichts mehr bewegt. Als diesen Sommer der Mädchentreff „Mädona“ nun endlich geeigneten Ersatz für seine 65 Quadratmeter-„Klitsche“ an der Müllheimerstrasse gefunden hatte, wurde uns - entgegen aller, durch nachweisbare Realitäten gestützte Argumente - vorgeschlagen, in den „gemütlichen kleinen Räumen“ zu bleiben. „Small is beautiful“, klingt da durch. Leider würde ein Verbleib am alten Standort weiterhin sehr viele Mädchen von diesem einzigartigen Angebot in der Nordwestschweiz gänzlich ausschliessen. Deshalb hat die Leitung der BFA ohne Zögern beschlossen, die neue Liegenschaft auf eigenes Risiko anzumieten. Nun sind wir natürlich auf Unterstützung Dritter angewiesen – diesbezügliche Verhandlungen mit Stiftungen und Sponsoren verlaufen zum Glück vielversprechend.

Die Belastungen steigen
Unternehmerischer Erfolg macht leider nicht immer glücklich. Mit dem Ansturm auf unsere Einrichtungen tappt die BFA sogar in eine regelrechte „Erfolgsfalle“, wie sie für Non Profit Organisationen leider nicht untypisch ist. Jede privatwirtschaftliche Firma, jede soziale Organisation mit subjektorientierten Verträgen (also pro Kopf-Vereinbarungen) darf sich die Hände reiben, wenn sie so viele Kunden anspricht. Nicht so die BFA und andere Organisationen im Bereich Kinder- und Jugendarbeit. Hier steigen die Belastungen, der Verschleiss nimmt zu und auch die Kosten steigen – bei stets gleichbleibender Subvention, die bereits heute weniger als 70 Prozent des Aufwands deckt!

Hohe Anforderungen an wenige Mitarbeitende
Im Jugendtreff Dreirosen beispielsweise wirkt sich das seit Monaten so aus, dass für 100 bis 200 täglich vorbeikommende Jugendliche gerade mal zwei bis drei Mitarbeitende zur Verfügung stehen: Das ist exakt die gleiche Manpower, wie wenn nur 10 oder 20 Jugendliche das Angebot nutzen würden. Wer die Themen, Sorgen und Nöte wirklich kennt, welche die Jugendlichen, zumeist mit Migrationshintergrund, zu uns bringen, weiss auch, welch hohe Anforderungen diese an die Mitarbeitenden stellen. Ein Betreuungsverhältnis von manchmal gerade einmal 1:100 ist schlichtweg eine Zumutung! In keiner anderen Sparte der Bildung und Betreuung würde dies akzeptiert. Anzumerken ist, dass mit einer zweiten „Schicht“ problemlos das Doppelte der momentanen Nutzungszeiten angeboten werden könnte.

Ein Umdenken muss stattfinden

Damit „sich Erfolg wieder lohnt“, muss gemeinsam mit den Auftraggebern ein Umdenken stattfinden. Potential, Leistung und Wirkung der Jugendarbeit sollten noch besser kommuniziert werden. Basis hierfür könnten die anstehenden Subventionsverhandlungen werden. Obgleich wir informiert wurden, dass die offene Kinder- und Jugendarbeit gesamthaft mit einem gleichbleibenden „Kuchen“ zu rechnen hat. Unser Ansporn, auf den Pfaden des Erfolgs „fallenfrei“ weiter zu wandeln, liegt in den überdeutlichen Anzeichen jugendlichen Bedarfs und der Hoffnung, dass der Zusammenhang zwischen Jugendarbeit, seinen integrativen sowie präventiven Effekten von der politischen Seite endlich erkannt und damit eine Trendwende ermöglich wird.