„Staatsbesuch“: Basler Jugendarbeit in Lettland

Albrecht Schönbucher, Geschäftsführer BFA

Die Themen Globalisierung und europäische Ausrichtung machen auch vor der – doch eher regional ausgerichteten - Basler Jugendarbeit nicht Halt. Vor kurzem war die Basler Freizeitaktion (BFA), zusammen mit der Mobilen Jugendarbeit, Basel/Riehen, auf „Staatsbesuch“ in Lettland. Hintergrund war die Einladung durch eine Stiftung aus der Stadt Talsi, sie ist gut hundert Kilometer westlich von Riga gelegen. Eines Tage hatte die sehr engagierte Iveta Rorbaha, Lehrerin, Stiftungsratschefin und bereits in jungen Jahren Ehrenbügerin, bei der Mobilen Jugendarbeit angerufen und Interesse an innovativen Methoden in der Jugendarbeit gezeigt. Mitte April nun waren die beiden Institutionen, vertreten durch mich selber und Michele Salvatore von der Mobilen Jugendarbeit, zu einem fünftägigen Erfahrungsaustausch eingeladen.

Spannender fachlicher Austausch
Im Mittelpunkt des Besuchs standen verschiedene Kontakte, Präsentationen und Diskussionen, die sich allesamt um das umfangreiche Thema Jugendarbeit drehten. Im Rahmenprogramm des alljährlichen grössten Jugendfests der Region, veranstaltet von mehreren Jugendorganisationen, präsentierten wir unsere Arbeit vor Jugendlichen und der - mit vielen städtischen Entscheidungsträgern besetzten - Jugendkommission. Im Gegenzug stellten uns Jugendliche aus der zwölften Klasse ihre im Wirtschaftsunterricht gegründeten Mini-Unternehmen vor. Den ganzen Tag über nahm die kleine Basler Delegation am Fest teil, erlebte mehrere unterhaltsame Contests (Playbackauftritte, Bands, Sängerinnen) und wurde auf der Bühne sowie im lokalen Fernsehen ausführlich interviewt. Gut 1000 Jugendliche feierten begeistert und ausgelassen.

Viel Zeit mit lettischen Jugendlichen verbracht
Viel Zeit verbrachten wir mit lettischen Jugendlichen zusammen, die sich, im 20. Jahr der Unabhängigkeit ihres Landes von der ehemaligen Sowjetunion, gerade mit einer sehr schwierigen sozioökonomischen Situation konfrontiert sehen. Neben spontanen Kontakten beim Aufsuchen der lokalen Skateanlage gab es lange Gespräche mit den uns begleitenden sympathischen Übersetzern, den beiden 18-jährigen Männern Elvis und Mikus – inklusive einer abendlichen Einladung in deren elterliche Wohnung.

Flugzeugbau, klassische Tänze, offener Treffbetrieb
Eindrucksvoll gestaltete sich auch der Besuch im grossen, lokalen Jugendzentrum. Acht feste und 33 freie Mitarbeitende bieten dort ein breitgefächertes Programm vom Gitarrenorchester, über Flugzeugbau, klassische Tänze, bis hin zum offenen Treffbetrieb an. Mit geringen Mitteln nur, wird hier sehr kreativ und engagiert gearbeitet. Die Arbeit erinnert an traditionellere Formen der verbandsgesteuerten Jugendarbeit, wie sie in der Schweiz im städtischen Kontext so nicht mehr existieren. Das Haus - und seine Leiterin Doloresa Lepere - erhielten für ihre ausgezeichnete Arbeit gerade den lettischen Preis für das beste Jugendzentrum: Eine Auszeichnung, über die man auch hierzulande durchaus nachdenken könnte.

Empfang beim Bürgermeister
Als aussergewöhnliche Ehre empfanden wir zudem einen gut anderthalbstündigen Empfang beim Bürgermeister, Miervaldis Krotos, und seiner Stellvertreterin, Solvita Udre. Sie regieren nicht nur die Stadt, sondern auch Talsu novada, den zweitgrössten Distrikt Lettlands. Beeindruckend waren, nebst der Präsentation der aufstrebenden Region Talsi, die Offenheit und das Interesse an Informationen aus der Schweiz und an unserer Jugendarbeit. Die Basler Delegation übergab eine schriftliche Grussbotschaft von Hansjörg Lüking vom Basler Erziehungsdepartement. Mit Texten und Fotos ist unser Besuch nun auf der städtischen Website verewigt. Die Würdenträger trafen wir übrigens mehrmals, schon vor dem offiziellen Besuch, so etwa bei einem Anlass, an dem alle geladenen VIPs aus Talsi auf der Bühne ihrer künstlerischen Ader freien Lauf liessen.

Überwältigende öffentliche Resonanz
Ein kleines bisschen Zeit blieb neben allen offiziellen Terminen dann doch noch, um Land und Leute kennenzulernen. Gastgeberin Iveta organisierte Kurzbesuche im schönen Riga und an der Ostsee. Die Resonanz in der Öffentlichkeit war überwältigend: Das Interview mit uns wurde mehrfach im Lokalfernsehen ausgestrahlt, danach sogar im staatlichen lettischen TV. Per Skype gaben wir ausserdem der lokalen Tageszeitung nach unserer Rückkehr ein Interview. Nach dem Erleben dieser phantastischen Gastfreundschaft, sprachen wir gerne eine Gegeneinladung für eine Delegation aus Talsi nach Basel aus. Wir hoffen, dass wir die finanzielle Unterstützung auftreiben, um einen solchen Besuch auch realisieren zu können.

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