Ohne Computer und Zugang zum Internet wäre ein Jugendtreff oder ein Jugendzentrum im Jahr 2011 eine müde Sache. Bei der Basler Freizeitaktion gibt es in jedem Treff mindestens einen Computerzugang für die Jugendlichen. Diese Nutzung durch unsere jungen Kundinnen und Kunden ist dabei unterschiedlich geregelt: In einigen Treffs kostet der Zugang eine Kleinigkeit. In allen gibt es Regeln, was die Inhalte des Surfens im Internet anbelangt. Und es werden, wenn nötig, auch themenbezogene Diskussionen und Auseinandersetzungen über diese Inhalte geführt. Die BFA-Jugendarbeit Basel-West hat vor einiger Zeit einen Elternanlass zum Thema Internet und Social Networks veranstaltet, der ausserordentlich gut besucht war – und eigentlich nach einer Fortsetzung verlangen würde. Aufgrund enger Finanzen und Personalkapazitäten ist es momentan leider nicht möglich, dieses Format zu institutionalisieren. Ein lockeres Gespräch mit Guido Morselli, Leiter BFA-Basel-West, und Yves Fitzé, Mitarbeiter beim Basel-West-Team, über die Herausforderung, die Compis und Internet für Jugendtreffs bedeuten.
Von Christian Platz, Vorstandsmitglied BFA
Trotz Internet Pornographie…
Natürlich drängt sich die vieldiskutierte Frage nach Pornographie im Internet gleich zu Anfang auf. Dazu stellt Guido Morselli folgendes klar: „Wir lassen hier im Neubad keine Pornographie zu. Wir sperren zwar keine Seiten, weil dies angesichts der schieren Unendlichkeit des Internets auch kaum möglich wäre. Aber wir machen auf unseren Computern regelmässig Verlaufskontrollen. Da sich die Jugendlichen einloggen müssen, wissen wir, wer wann im Internet war – und was angeschaut wurde. Wenn etwas Verbotenes dabei war, thematisieren wir dies umgehend. Diese Verlaufskontrollen sind aber nicht einfach Selbstzweck, sie geben uns auch Auskunft über die Interessen der Kids und die Themen, die sie beschäftigen.“
…unsichere pubertierende Teenies
Yves Fitzé erzählt von der diesbezüglichen Situation im Jugendtreff Bachgraben, dem zweiten festen Standort der BFA-Jugendarbeit Basel-West: „Wir sehen in unserem relativ kleinen Raum von der Bar aus meistens, was auf dem Bildschirm erscheint. Manchmal habe ich das Gefühl, dass gerade die Jungs verbotene Seiten aufrufen, um uns zu provozieren. Das nehme ich dann meinerseits direkt zum Anlass, das Thema mit ihnen anzugehen. Es ist aber schon interessant, man geht heute gemeinhin davon aus, dass die Jugendlichen in Sachen Sexualität recht abgebrüht sein müssen, wegen all der digitalen Welten, in denen sie sich regelmässig bewegen. Wenn ich dann aber einen Jungs-Abend mit ihnen mache, die Sache klar auf den Tisch bringe, Fragen stelle, bemerke ich, dass viele von ihnen vor allem vor anderen Jugendlichen angeben wollen. In Wirklichkeit sind sie meist unsicher und noch recht ahnungslos, was sexuelle Themen anbelangt. Wie das bei Pubertierenden halt so der Fall ist. Der Internet-Konsum und die gelebte Realität klaffen da glücklicherweise schon sehr weit auseinander.“ Morselli: „Es gibt nur selten Jungs, die innerlich wirklich tiefer von diesen Inhalten bestimmt werden. Wenn wir so etwas merken, gehen wir natürlich umgehend darauf ein. Im Einzelgespräch. Aber, wie gesagt, das müssen wir nicht häufig tun.“ Fitzé: „Wenn sie es allerdings mit den Provokationen übertreiben, schliessen wir sie auch mal einige Zeit vom Compi-Gebrauch aus. Wir können und wollen nicht ständig mit den Boys über Sexualität diskutieren, auch das muss seine Grenzen haben. Vor allem, weil im Setting eines offenen Treff ja auch viele andere Bedürfnisse vorhanden sind!“
Soziale Plattformen und Privatsphäre
Ein weiteres Thema sind natürlich Social Networks, sind Festzeit, Myspace, Facebook usw. Fitzé: „Hier ist es uns ganz wichtig, dass die Jugendlichen lernen, die Privatsphäre anderer zu respektieren. Wenn wir mitbekommen, dass jemand ungefragt Bilder oder Videos von anderen auf soziale Internetplattformen veröffentlicht, die unvorteilhaft sind oder Mobbing-Elemente beinhalten, reagieren wir ganz scharf. Und wir geben nicht auf, bis diese Einträge gelöscht sind. Gerade in einem grossen Schulhaus verbreiten sich solche Einträge beispielsweise wie ein Lauffeuer. Man muss den Kids unserer Zeit unbedingt klar machen, dass die Privatsphäre auch auf dem Internet geschützt ist – das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“
Selbstdarstellung auf dem Internet
Die Selbstdarstellung junger Leute auf sozialen Plattformen ist ebenfalls ein Dauerbrenner: „Gerade junge Mädchen haben oft keine Ahnung, was gewisse Bilder, die sie hochladen, für eine Wirkung haben können. Wenn sie sich von oben fotografieren lassen, mit Blick in den Ausschnitt oder im Bikini, und das dann als Profilbild auf Facebook stellen, wollen sie damit natürlich gefallen und populär sein. Was dies dann aber in irgendwelchen fremden Männern auslösen kann, die solche Bilder sehen, ist ihnen nicht wirklich bewusst. Wenn wir erfahren, dass solche Geschichten krasse Dimensionen annehmen, macht unsere Teamleiterin Stefanie Schöchle Einzelgespräche mit den Mädchen und thematisiert die Sache. Im Allgemeinen geht es aber vor allem darum, diese Aussenwirkung mit den Mädchen - aber auch mit den Jungs - zu thematisieren. Was sich dann wiederum mässigend auf deren Handhabung von Social Networks auswirken kann.“ Morselli ergänzt: „Einen Punkt gibt es, bei dem mir gar nicht wohl ist – wenn junge Mädchen irgendwo mit einem Mann abmachen, den sie nur von Internet her kennen. Ich habe schon von solchen Geschichten gehört. Ich denke, das ist ein ganz heikles Feld. Wenn wir etwas in diese Richtung erfahren würden, dann wäre das definitiv ein Grund für ein intensives Gespräch!“
Die Mutter ist total erschrocken
Morselli erinnert sich: „Als wir damals unseren Elternabend in Sachen Internet gemacht haben, konnten die Eltern die Profile und Einträge ihrer Kids auf Social Networks anschauen. Die Reaktion einer Mutter, die total erschrocken ist, wie anzüglich sich ihre Tochter auf den Fotos darstellte, ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen.“
Auch positive Aspekte
Es gibt in der Jugendarbeit durchaus auch positive Aspekte, die mit dem Internet zusammenhängen; Fitzé: „Wir können gemeinsame Aktivitäten über Facebook koordinieren. Wenn wir einen Jugendlichen lange nicht mehr gesehen haben und uns Sorgen um seinen Verbleib machen, jedoch über keine Adresse oder Telefonnummer verfügen, können wir ihn über Facebook kontaktieren. Das klappt dann meistens.“ Alle Treffs der BFA haben ein eigenes Facebook-Profil, das sie auch für Koordinations- und Organisationszwecke nutzen. Fitzé und die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen haben dabei aber einen eisernen Grundsatz: „Als Privatpersonen ‚frienden’ wir die Jugendlichen nicht, die bei uns verkehren. Unsere persönlichen Accounts gehören zu unserer Privatsphäre, da gibt es eine Grenze, das sollen die Jugendlichen klar wissen!“ Wenn man Fitzé und Morselli danach fragt, was sich denn die Kids auf dem Internet am liebsten anschauen, ist die Antwort klar: Musik-Videos, vor allem deutschen „Gangsta Rap“ auf „Youtube“. Und durch die Beobachtung des kulturellen Konsumverhaltens der Jugendlichen auf dem Internet sind die Jugendarbeitenden eben auch in Sachen Pop-Trends immer auf dem neusten Stand…
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