Jugendtreffpunkt Bachgraben:

„Beziehungen sind der Schlüssel zum Quartier“

Von Christian Platz, Vorstandsmitglied BFA

Es gibt jene – räumlich grosszügig ausgestatteten – Jugendtreffpunkte der Basler Freizeitaktion, die regelmässig zahlenmässige Besucherrekorde verzeichnen können. Zugegeben, der Jugendtreff Bachgraben, ein Teil der BFA-Struktur „Basel-West“, verfügt nicht über ausgedehnte Räumlichkeiten. Trotzdem, das kleine - komplett versprayte aber gemütliche - Häuschen weist für seine Verhältnisse ebenfalls rekordverdächtigte Besucherzahlen aus. Für viele Jugendliche, die zwischen 12 und 20 Jahre alt sind, ist es ein Ort des Vertrauens, der Begegnungen und Beziehungen geworden. Das ist keineswegs selbstverständlich: Einige dieser Jugendlichen gehören nämlich zu den schwierigeren Gruppierungen des vorstädtischen Quartiers. Durch intensive Beziehungsarbeit machen Stefanie Schöchle und ihr Team im Treff eine sehr produktive Atmosphäre möglich, in die sie auch junge Menschen, die grosse Probleme haben, integrieren können. Dazu gehört viel Flexibilität und Geduld. Aber auch eine Arbeitsweise, die nicht vor der Tür des Treffs haltmacht, sondern im ganzen Umfeld vernetzt agiert. „Beziehungen“, so Stefanie Schöchle, „sind für mich der Schlüssel zum Quartier!“

Intensive Arbeit mit Bachgraben-Jugendlichen
Stefanie Schöchle sitzt auf dem Sofa des Gemeinschaftsraumes. Noch ist der Treffpunkt leer. Es herrscht die morgendliche Ruhe - bevor der Ansturm der jungen Kundschaft losgeht. Die Ressortleiterin wird sich vor der Öffnung des Hauses, mit ihrem Teamkollegen Yves Fitzé und Praktikantin Selvije Ferati zusammen, Zeit für eine ausführliche Sitzung nehmen. Sie stellt ihre Kaffeetasse auf den Tisch und sagt: „Die Arbeit hier ist sehr intensiv. Bachgraben-Kids haben unterschiedliche Bedürfnisse, deshalb müssen wir eine Vielfalt an Möglichkeiten anbieten. Einerseits arbeiten wir mit Gruppen von Jugendlichen, andererseits ist auch sehr viel individuelle Betreuung notwendig, die ebenso viele Lebensthemen und Probleme betrifft. Dazu kommt die Vernetzungsarbeit im Quartier, die wir sehr stark pflegen – und ohne die wir wohl nicht viel erreichen könnten.“

Unterschiedliche Lebenswelten
Die Ressortleiterin kennt die Vielfalt der Lebenswelten der Jugendlichen. Sie kennt die eher anspruchsvolleren Jungs des Quartiers, welche verlässliche Ansprechpersonen brauchen. Sie kennt die Girls mit Migrationshintergrund, die dadurch erschwertere Voraussetzungen mit sich bringen. Sie kennt aber auch Jugendliche, die über mangelnde Kreativität in ihrer Freizeitgestaltung verfügen, und ein motivierendes Umfeld brauchen, in dem sie aus sich heraus kommen und aktiv werden können. Die Jugendlichen verfügen über ganz viel Energie, manchmal muss diese gelenkt werden, wodurch sich immer wieder aufs neue positive Dinge entwickeln und die Ideen der Jugendlichen in Angeboten umgesetzt werden. Schöchle: „In unseren Räumen begegnen sich ganz verschiedene junge Menschen, die ebenso unterschiedliche Lebenswelten repräsentieren. Die Herausforderung ist es, ihnen allen gleichzeitig Raum zu bieten. Dazu brauchen wir dieses Haus als festen Ort. Hier müssen wir verlässliche Partner für die Jugendlichen sein, müssen ihre Grundbedürfnisse abdecken, ihnen allen Partizipation ermöglichen – und gleichzeitig unsere klaren Umgangs- und Sozialregeln durchsetzen.“ Das ist ein ganz schön happiges Anforderungspaket, das vom Team grosses Engagement, viel Flexibilität, Offenheit und Nerven verlangt – ganz zu schweigen von den unzähligen Überstunden…

In der Stadt gibt es nicht viele Freiräume
In der Stadt gibt es nicht viele geschützte Freiräume, in denen Jugendliche willkommen sind und sich wohl fühlen, ohne dass Konsumzwang besteht. Stefanie Schöchle findet aufsuchende Jugendarbeit im öffentlichen Raum zwar wichtig, schliesslich besucht sie die Orte, an denen sich „ihre“ Kids aufhalten auch selbst - und zwei ihrer Kollegen der BFA-Struktur Basel-West widmen sich ausschliesslich dem aufsuchenden Genre: Doch kennt sie auch die Grenzen der Arbeit unter freiem Himmel. Schöchle: „Bei uns trifft man Jugendliche, die ganz in ihre Schulaufgaben vertieft sind und Vokabeln lernen. Bei uns können Kids, die sonst nur wenige Möglichkeiten haben, den Raum gegen ein Depot mieten und erstmals etwas Eigenes veranstalten. Wir haben zu Kids, die in der Schule bocken und zu Hause keine Aufgabenhilfe erhalten, einen direkten Draht und geniessen ihr Vertrauen. Wir können hier Vorurteile zwischen unterschiedlichen Gruppen Jugendlicher abbauen. Können mit Vätern von Migrationsfamilien vertraulich über die Erziehung ihrer Töchter reden und vieles mehr. Der Treff ist der Bezugspunkt der das möglich macht. So ergänzen sich die beiden Bereiche aufsuchende Jugendarbeit und die Arbeit im Jugendtreffpunkt.

Ganz nahe an der Alltagsrealität
Das Team arbeitet mit den Jugendlichen auf verschiedenen Ebenen an den Themen, die sie beschäftigen, in Gruppen und in zeitaufwändiger Einzelbetreuung. Da geht es um Geschlechterrollen, um schulische Inhalte, um gravierende Probleme im Elternhaus, um Lebensbewältigung und die Herausforderungen des Alltags, um Schwierigkeiten in der Lehre oder beim Suchen einer Lehrstelle und so weiter… Es geht zum Beispiel darum, das Selbstvertrauen von Mädchen zu fördern und Jungs zu zeigen, dass Konflikte nicht nur mit Gewalt gelöst werden können. Es wird über verschiedene Kulturen reflektiert und diskutiert, über die Parallelwelt der modernen Medien, über Drogen oder die Anforderungen beim Übergang in die Berufswelt. So schafft sich das Team Zugänge zu den Kids, die anderen Institutionen und Organisationen versagt bleiben. Schöchle: „Zentral ist dabei der Umstand, dass die Jugendlichen freiwillig zu uns kommen, dass wir sie nicht unter Leistungsdruck oder Konsumzwänge setzen, dass wir ganz nahe an ihrer Alltagsrealität agieren… So erhalten wir ihr Vertrauen und können auch erfolgreich auf die Einhaltung unserer Regeln beharren.“

Vernetzen und Brücken bauen
Schon als sie im Jugendtreff Bachgraben angefangen hat, war Stefanie Schöchle klar, dass sie nicht ohne Einbezug des Umfeld arbeiten kann. Deshalb wurde alsbald eine „Table Ronde“ mit allen entscheidenden Akteuren des Quartiers installiert: Mit Lehrpersonen des benachbarten Schulhauses, den Behörden, mit Eltern, Leuten von Quartierorganisationen usw. Schöchle: „Wir helfen den Kids aus den Kleinklassen, die dort Probleme haben, oft bei den Schularbeiten, wir würden auch sofort andere Hilfestellungen anbieten, wie etwa einen Mittagstisch…“ Zudem organisiert das Team jetzt Treffen zwischen den Mitarbeitenden von Organisationen, Fach- sowie Beratungsstellen und den Eltern mit ihren Kids aus dem Quartier. Schöchle: „Für viele dieser Leute stellt der Gang zu einer Fach- oder Beratungsstelle zunächst eine zu grosse Hürde dar. Wir können da Brücken bauen.“ Im Allgemeinen seien sie im Quartier nun hervorragend vernetzt und würden eine „Super-Kooperation“ erleben. Schöchle: „Lobbying ist halt ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Unser Standort ist ein kleines, verspraytes Haus, in dem Jugendliche verkehren… Da können natürlich allerlei Interpretationen aufkommen. Deshalb müssen wir den Leuten im Quartier unsere Arbeit verständlich und transparent machen – und ihnen zeigen, dass wir vertrauenswürdige Partner sind.“ Das ist ihnen gelungen – und unverdrossen machen sie weiter!