Die „Basler Freizeitaktion“ ist die grösste städtische Institution für offene Jugendarbeit in Basel. Als privater, von der Stadt subventionierter Verein, dessen oberstes strategisches Gremium ein ehrenamtlicher Vorstand ist, beklagte sie in der Vergangenheit oft „Schnittstellenprobleme“, wie sie viele NonProfit-Organisationen kennen. Dabei bewegte sich die bisherige Aufbauorganisation BFA zunehmend im Zwiespalt zwischen den Prägungen einer verwaltungsnahen Steuerung und dem Sog der jungen Basis, bei der Tempo vor Formalismus - und Improvisationslust vor Struktursicherheit - stehen. Mit einem zwei Jahre dauernden und vor kurzem - was die Pre-Implementierungsphase betrifft - abgeschlossenen Organisations-Entwicklungsprozess ist die BFA bestrebt, sich mit einem geklärten, zeitgemässen und den Zielpublikums-Bedürfnissen angemessenen Institutions-Profil den Herausforderungen der Zukunft zu stellen.
Von George Hennig, BFA-Geschäftsleitung, Leitung Sommercasino
Das aktuelle Angebotsspektrum
Die BFA orientiert sich mit ihren Angeboten an der Bedürfnisskala ihrer jungen Kundschaft. Analog dem Altersspektrum ergeben sich daraus für die verschiedenen Bereiche unterschiedliche inhaltliche und strukturelle Formate. Die Arbeit in den sieben Jugendtreffpunkten (einer davon ein reiner Mädchentreff) ist dabei, ihrem jüngeren Publikum (12 bis 20 J.) entsprechend, stärker pädagogisch gewichtet: Wobei partizipative Elemente und die verschiedenen Jugendkultursparten auch hier auf dem Vormarsch sind. Zudem enthält dieser Bereich Anteile „mobiler Jugendarbeit“, die ihr Publikum auf „freier urbaner Wildbahn“ aufsucht. Im gesamtstädtischen Jugendkulturzentrum (16 bis 25 J.) geht es - neben Konzerten und Parties - um diverse Komplementärdisziplinen rund um das zentrale Szenemedium Musik; wie Booking, Grafik, Webdesign, Ton-, Licht- und Studiotechnik, Partyorganisation, Agenturwesen, Tanz, Gastronomie usw. Daraus ergeben sich vielfältige partizipative und autonome Nutzungsformen mit hohem Synergiefaktor. Die Jugendberatung der BFA ist eine niederschwellige Anlaufstelle für Jugendliche (12 bis 25 J.) mit Problemen im Zusammenhang mit Schulden, Schule, Job, Familie, Beziehung, Drogen etc., bei der entweder direkt lösungsorientiert beraten wird, oder von der aus die Hilfesuchenden gezielt an eine geeignete Fachstelle weitergeleitet werden. Der „Dreiland-Ferienpass“, bei dem der Name Programm ist, ergänzt die Alters-Palette gegen unten (6 bis 16J), während die Vergünstigungskarte „colour key“ (15 bis 25 J.) ihren einstigen „Monopolstatus“ verloren hat, und sich auf dem Freizeitmarkt gegen ähnliche Produkte aus der Privatwirtschaft behaupten muss.
Von der Fürsorge zum Coaching
Betrachtet man die Geschichte der Basler Freizeitaktion seit ihren Anfängen im Jahr 1942 so enthält sie immer wieder eigentliche „Pioniertaten“: Von der Eröffnung des ersten Jugendhauses der Schweiz, der Kombination eines Restaurants mit niederschwelliger Beratung, der „Miterfindung“ von „Film- und Videotagen“, des „Rockfördervereins“ und des „Jugendkulturfestivals (JKF)“, einer Freizeit- und Vergünstigungskarte bis hin zum generationen- und nationalitätenüberschreitenden soziokulturellen Zentrum. In unserem Angebotsbereich sind es heute kaum noch die BetreiberInnen, die sich gestalterisch hervor tun. Vielmehr sind VertreterInnen von Jugendszenen in allen Sparten bei der Entwicklung und Gestaltung aktiv mitbeteiligt. Sie bringen aktuelle Trends und eigene Ideen in die inhaltliche Planung ein. Daraus entwickelte sich im Laufe der letzten zehn Jahre ein alles umfassender Kultur- Struktur- und Rollenwandel, dem jetzt auch in der Gesamtstruktur der Organisation Rechnung getragen werden soll. Aus dem einstmals „schulnahen“ Berufsbild der fürsorglichen Pädagogik ist eine Art Coaching mit „Dienstleistungs-Charakter“ geworden. Die Basis-Profis sind sich jederzeit bewusst, dass sie in der Ausübung ihres Jobs auf dem „Playground“ der Jugendlichen eigentlich nur „Gastrecht“ geniessen. Sie sind es, die den Rahmen sichern, der von den Jugendlichen „bespielt“ wird. In der Verantwortung von Geldgebern und Fachleuten liegt das „Lesen“ der Trends, das Erkennen des Bedarfs, und – in der Konsequenz - das Entwickeln und Finanzieren bedürfnisgerechter Voraussetzungen.
Mittel und Wege
Betriebswirtschaftliches Bewusstsein ist in der BFA, obwohl sie subventioniert wird, ebenso hoch entwickelt wie der Sinn für modernes Management: Ansätze wie „Beyond Budgeting“, „Balanced Scorecard“ oder „Public Private Partnership“ sind uns als Modelle durchaus vertraut. Um Teilaspekte davon nutzbar zu machen, gilt es, deren Grundideen für die branchenspezifische Realität und die institutionelle Dimension zu modifizieren. Es ist davon auszugehen, dass die Ausgaben im Sozialbereich, nicht zuletzt als Folge der weltweiten Finanzkrise weiter reduziert werden. In diesem Segment tätige Institutionen tun gut daran, sich andere Wege der Mittelbeschaffung zu erschliessen. Die BFA erreicht bereits heute einen relativ hohen Eigenfinanzierungsanteil. Angestrebt wird nun ein ausgewogener Kompromiss zwischen Fundraising, als aufwendiger Variante der Aussenfinanzierung und – wo immer möglich - dem Ausbau der eigenen profitträchtigen Bereiche.
Management und Basis auf Augenhöhe
Lange Zeit wurde bei der BFA versucht, strukturelle und (betriebs-)kulturelle Normen der Institutionsspitze auf die gesamte Einrichtung zu übertragen, was immer wieder zu (schwer fassbaren) konfliktähnlichen Pattsituationen zwischen Miliz-Vorstand und Basis-Profis führte. Im Laufe des soeben vollendeten Organisationsentwicklungs-Prozesses hat sich die Gesamt-BFA zu einem „engagierten Menschenbild, das auf Eigeninitiative baut“, zu „flachen Hierarchien“ und zum „Führen als Dienstleistung“ bekannt. Somit hat sich letztlich die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein Führungsmodell nur so angemessen, so glaubwürdig und so funktional sein kann, insofern es mit den Werten der Basisarbeit korrespondiert. Im Umgang mit der jugendlichen Kundschaft wird konsequent deren Potenzial ins Zentrum gerückt. Jugendliche übernehmen Verantwortung für Teilbereiche, was sich „bottom-up“, also auch Hierarchie verflachend, auswirkt. Diese elementare Eigenart der Basisarbeit zwingt zur “Partizipation“ auf allen Ebenen und formt Führung im besten Fall zur Dienstleistung. Um die kausale Bedingtheit dieser Entwicklung zu begreifen, gilt es jugendliches Autonomie-Streben als „Driving Force“ zu würdigen, als „BottomUp-Logik“, die alle darüber liegenden Ebenen „auf Augenhöhe“ zwingt. Der Effekt der daraus resultierenden Hierarchieeinebnung ist nachhaltig, weil er nicht nur individuelles Wachstum fördert und die Institutionskultur stärkt, sondern Streben nach Professionalisierung, Wissens- und Qualitätssicherung zur selbstverständlichen Basis-Aufgabe macht.
The best of both worlds
Der Erfolg der Angebote der Basler Freizeitaktion basiert – nebst unserem differenzierten Qualitätsbewusstsein - auf zwei grundlegenden Erkenntnissen. Zum Einen hat sich die offene Jugendarbeit neben Familie und Schule als dritte Sozialisationsinstanz beim jungen Publikum etabliert. Daneben steht unsere „Branche“ auf dem Freizeitmarkt in direkter Konkurrenz zu allen kommerziellen Anbietern. Es muss also darum gehen, beiden Feldern jugendlicher Lebenswelten gerecht zu werden: Und das Angebot zu einem wertschöpfenden und konkurrenzfähigen Produkt zu „designen“. Offene Jugendarbeit muss heute die Gratwanderung zwischen edukativen und sozialpädagogischen sowie trendigen, den Szenecodes verpflichteten Kriterien meistern. Entscheidend ist dabei die Wahlfreiheit, in Kombination mit der Möglichkeit zur Mitgestaltung: Primär beim szenisch-kulturellen Teil. Bei allen Angeboten gilt es, vorhandenem Potenzial Raum zu geben, um Eigenverantwortung zu fördern und Wachstum zu ermöglichen.
