Seismograph

BFA Jugendberatung

 

Christine Suter und Christoph Walter bilden das Team, das hinter der BFA-Jugendberatung steckt. Bei insgesamt 140 Stellenprozenten sind sie permanent stark ausgelastet. Ihnen ist kein Problemfeld fremd, das Jugendlichen heutzutage Sorgen bereitet. Wer bei ihnen um Beratung nachfragt, erhält für seine Anliegen und Nöte Raum, Zeit und pragmatische Hilfe. In den letzten Jahren konnte das Team beobachten, wie finanzielle Probleme unter Jugendlichen stark zugenommen haben.

 

Von Christian Platz, BFA-Vorstandsmitglied

 

Vernetzt, flexibel, psychosozial "

 

Jugendberatung? Da geht es sicher hauptsächlich um harte Drogen, Teenieschwangerschaften und Probleme mit erwachender Sexualität..." Wer bei der BFA mittut und Bekannten gegenüber erwähnt, dass wir auch professionelle Jugendberatung anbieten, bekommt diese Einschätzung oft genug zu hören. Und, wer weiss, vielleicht hätte sie vor 15 Jahren den Nagel noch auf den Kopf getroffen. Heute stimmt sie eindeutig nicht mehr...

 

Finanzielle Probleme an erster Stelle

 

Diese Beratungsstelle für Jugendliche und junge Erwachsene, die einzige ihrer Art im Kanton Basel-Stadt, bewegt sich eben meist auf ganz anderen Themenfeldern: Finanzielle Probleme stehen zuoberst auf der Liste, es folgen Themen wie Probleme auf der Arbeit, Stellenlosigkeit, Schuldefizite, Lehrabbruch, Auszug aus dem - und Ablösung vom - Elternhaus. Vernetzung und fliessende Zusammenarbeit mit Stiftungen, staatlichen Stellen und Behörden sowie weiteren Organisationen ist für Christine Suter und Christoph Walter eine lebensnotwendige Selbstverständlichkeit. Suter: "Oft übernehmen wir sogar die Fallführung. Die staatlichen Stellen sind froh darüber, weil wir bereits am Anfang jeder Beratung ein Vertrauensverhältnis zu den jungen Menschen aufbauen."

 

Individuelle Betreuung

 

Christine Suter arbeitet seit acht Jahren bei der Jugendberatung, Christoph Walter ist vor einem Jahr dazugestossen. Zu seinem Aufnahmeprozess gehörten zwei reale Beratungen, die er begleitet durchführte. Suter: "Mir hat es gleich gefallen wie er mit Menschen umgeht." Walter: "Das Methodische und das Wissen über psychosoziale Beratung sind für unsere Arbeit schon wichtig, aber sie sind bei weitem nicht alles. Wer hier arbeitet, muss auf Menschen eingehen, wir können nicht einfach Rezepte anwenden." Suter: "Jeder Fall wird bei uns ganz individuell betreut."

 

Hilfe zur Selbsthilfe

 

Das Erstgespräch bei der BFA-Jugenberatung dauert immer eine Stunde, wer hierher kommt, muss dies freiwllig tun – selbst wenn die Beratung von einer anderen Stelle empfohlen wurde. Auch können die Klientinnen und Klienten mit hundertprozentiger Diskretion rechnen. Suter: "Wir bieten hier Hilfe zur Selbsthilfe an. Es ist schon interessant, wie sich viele Probleme bereits nach der ersten Stunde zu klären beginnen." Bei dieser Stunde bleibt es natürlich nicht, das Team ist durchaus aktiv tätig: Sie nehmen Kontakt zu Gläubigern auf, fragen Stiftungen um Zuwendungen und Stipendien für Ausbildungen an, begleiten Jugendliche zu Behörden usw. Um sich in die Schuldenthematik einzuarbeiten hat Christoph Walter unter anderem zwei entsprechende Kurse bei "Plus-MInus" absolviert.

 

"Wir sind manchmal schon schockiert"

 

Christine Suter: "Wir sind manchmal schon schockiert, wie tief sich manche junge Menschen verschulden. Die höchsten Beträge liegen durchaus bei 30 000 bis 50 000 Franken. Das hat oft mit fehlender Begleitung durch das Elternhaus, mit Nichtwissen und schlechter Information zu tun." Da würden dann etwa die Krankenkasse monatelang nicht bezahlt, die Aufforderungen der Steuern sowie alle Mahnungen ignoriert, die Mietrechungen vernachlässigt: So kann einiges zusammenkommen. Wenn keine Sanierung möglich ist, müssen die Ratsuchenden lernen, mit den Schulden zu leben. Walter: "Wir versuchen es zwar immer, aber nur sehr wenige Gläubiger verzichten auf ihr Geld. Sie haben wohl Verständnis und nehmen den Druck von den jungen Schuldnerinnen und Schuldnern weg. Zählen aber darauf, dass sie das Geld zu einem späteren Zeitpunkt noch eintreiben können." Klar, dass dieses Team beste Beziehungen zur Steuererlass-Abteilung der Stadt Basel, zum Sozialamt und zur Arbeitslosenkasse pflegt. Suter: "Wir sichten die Rechnungen und anderen Schuldbeträge mit den jungen Leuten, stellen mit ihnen ein Budget auf. Ganz wichtig ist unser guter Draht zu Stiftungen, die Härtefälle mit Zuwendungen unterstützen – das bedeutet für uns allerdings einen tüchtigen administrativen Mehraufwand." Walter: "Die Leistungen der Sozilahilfe betrachten wir bei unseren Fällen übrigens nur als Notlösung und Überbrückung. Ziel muss immer sein, dass die jungen Menschen baldmöglichst auf eigenen Beinen stehen."

 

Wohnungsnot und Obdachlosigkeit

 

Zwischen 200 und 300 Fälle bearbeitet dieses Zweier-Team pro Jahr, es kam sogar schon vor, dass wegen des grossen Andrangs eine Warteliste eingesetzt werden musste. Suter: "Wenn bei jungen Menschen eine gute familiäre oder soziale Basis fehlt, landen sie ganz schnell auf dem Abstellgleis der Gesellschaft, heutzutage schneller denn je – dabei wird oft grosses menschliches Potenzial verschüttet." So beobachtet das Team etwa mit grosser Sorge, dass es immer schwieriger wird, Wohnraum für junge Menschen mit Problemen zu finden, auch die Obdachlosigkeit unter Jungen nehme zu – und Basel-Stadt verfügt nicht einmal über ein Notschlafstelle für Jugendliche. Wenn es um solche Themen geht, sieht sich die Jugendberatung der BFA einerseits als Seismograph, der die Probleme wahrnimmt, aber auch als Sprachrohr, das die Probleme der jungen Menschen bekannt macht. Ein Ziel des Teams ist es, künftig über einen eigenen Fonds zu verfügen, den sie selbst verwalten würden, mit Geldern, die Härtefällen gezielt zu Gute kommen können.