Gefühle verwandeln sich in Texte und Musik: Ein Rap-Workshop mit Jugendlichen macht’s möglich

Beziehungen zu knüpfen, im privaten wie im beruflichen Leben, bringt immer wieder Vorteile. Dies bewies mir einmal mehr die Begegnung mit dem Musiker Pete Stöcklin, mit dem ich im Frühling an einer Party ins Gespräch kam. Pete, der mit seiner Hip Hop-Combo „bithnik“ aus Lörrach in der Region bekannt wurde, erzählte mir, dass er vor dem Abschluss zum Sozialpädagogen stehe und daneben Workshops zu den Themen Rap, Texte schreiben und Musik gebe. Er war also die perfekte Besetzung für meinen Rap-Workshop im BFA Jugendzentrum Dreirosen, den ich im Rahmen meiner Diplomarbeit zum Thema „Die Hip Hop Kultur als sozialpädagogische Ressource in der offenen Jugendarbeit“ plante.

Jeanne Totaro, BFA Jugendzentrum Dreirosen

Flexibel auf Situationen reagieren
Wir planten, bis zu den Sommerferien, sechs Treffen, jeweils an einem Sonntag oder Dienstag. Ziel war es, circa vier Rapsongs mit Jugendlichen zusammen zu texten, zu üben und aufzunehmen. Das Interesse der Mädels und Jungs, beim Workshop mitzumachen, war in reichem Mass gegeben. Die Frage war eher: Wer kommt am Ende wirklich an die abgemachten Treffen? Und wer hält bis zum Schluss durch? Diese Fragen sind natürlich berechtigt, sie bringen nämlich ein Dilemma der offenen Jugendarbeit zum Ausdruck: Viele Jugendliche sind in manchen ihrer Lebensphasen eher unzuverlässig. Da ihre Beziehungen zu uns aber auf Freiwilligkeit basieren, gestaltet es sich manchmal schwierig, sie bei einem Projekt, das sich über mehrere Wochen hinzieht, bei der Stange zu halten. Animieren, motivieren und immer wieder daran erinnern – das sind zwingende Elemente eines solchen Projekts. Und wenn sie mal trotzdem nicht kommen, muss man es halt akzeptieren, muss flexibel und spontan auf die jeweilige Situationen reagieren - wenn zum Beispiel nur ein Jugendlicher auftaucht, anstatt sechs, die erwartet wurden.

Zwei angefangene Songs vor den grossen Ferien
Wir realisierten schnell, dass die Dienstage nicht geeignet waren: Weil diese Treffen während der normalen Öffnungszeit des Jugendzentrums statt fanden, was sich wenig förderlich auf die Konzentration der Teilnehmenden auswirkte. Wir beschränkten uns deshalb auf den Sonntagnachmittag: Damit wurden einige Treffen gestrichen, die wir aus organisatorischen Gründen nicht ersetzten. Kurz vor den Sommerferien hatten wir zwei angefangene Lieder. Wir entschieden uns, im Herbst weiter zu machen. Bis zum Ende haben insgesamt 13 Jugendliche den ganzen Workshops mitgemacht, darunter vier Mädchen. Da die Jugendlichen, was ihr Alter und ihre individuellen Kompetenzen anbelangt, sehr unterschiedlich waren, arbeiteten wir jeweils nur mit einem oder zwei von Ihnen gleichzeitig an einer Textpassage. So entstanden zwei neue Songs. Auch waren nun zwei Mädchen dabei, die die Refrains mit mir zusammen sangen.

Die richtige Betonung der Worte
Die Lieder entstanden dergestalt, dass wir zunächst immer die Jugendlichen fragten, was sie momentan gerade beschäftige. Stress in der Schule, zu Hause, unter Freunden, Liebeskummer, Gewalt, Identifikation mit dem Quartier und so weiter, so sahen die häufigstgenannten Themen aus. Durch diesen Austausch entstanden sehr interessante und persönliche Gespräche, bei denen wir die Jugendlichen zum Teil von einer ganz neuen Seite kennenlernten. Das Bedürfnis der Jungs und Mädels, über ihre Probleme zu sprechen, war sehr gross. Sie haben es sichtlich genossen, dass jemand ihnen einfach zuhört und sie ernst nimmt. Nach dem Austausch einigten wir uns jeweils auf ein Thema pro Song. Die Jugendlichen suchten sich aus den vielen Beats (so nennt man die rhythmische Grundstruktur eines Rap-Stückes), die Pete mitgebracht hatte, den passenden aus. Danach versuchten Pete und ich, gemeinsam mit den Jugendlichen, diese Gefühle in Rap-Texte umzuwandeln. Diese Reime tippte Pete direkt in seinen Laptop, der mit einem Projektor verbunden war. So konnten die Jungs und Mädels direkt anfangen, die richtige Betonung der Worte im Rhythmus des Beats zu üben. Nach jeweils zwei Stunden war die Konzentration weg. Dann nahm Pete das Stück mit seiner Rapstimme auf. Anschliessend hat er die Resultate auf unsere Facebook-Gruppenseite geladen, damit die Jugendlichen zu Hause üben konnten.

Einige Zitate aus den Texten:
„Wir sind 4057, das Quartier, das wir so lieben, keiner von euch MC’s kann uns jemals besiegen!“

„...Stress in der Schule und Stress zu Hause, doch heut spann’ ich aus und gönn mir ne Pause, lass mich nicht zwingen, mach nix gegen meinen Willen...“

„... Ich bin aus dieser dunklen Zeit immer noch nicht rausgekommen, das bisschen Geld, das ich verdien, verdammt, das reicht mir nicht. Die Jungs die sehen das gleich wie ich, jeden Tag den gleichen Mist...“

„Chaos, Stress und Intrigen, ich will das nicht mehr sehn! Komm schon wir schliessen Frieden, anstatt uns weiterhin den Rücken zuzudreh’n! Wozu denn kämpfen und sich bekriegen?- Ich kann das nicht versteh’n, komm schon wir schliessen Frieden, anstatt uns unsere Freiheit wegzunehmen!“

Ein Produkt als Souvenir
Nachdem wir vier Songs fertig geschrieben hatten, ging es darum, sie aufzunehmen, denn wir wollten, dass alle, die mitgemacht hatten, am Ende des Workshops als Souvenir ein Produkt in den Händen halten. Wir machten also zwei Aufnahme-Termine ab: Leider erschienen nur zwei Mädchen und ein Junge. Dass zwei Mädchen bis zum Schluss mitmachten, freute uns trotzdem sehr. Somit sind am Ende zwei fertige und zwei halbfertige Songs entstanden. Anscheinend stand für die Jugendlichen nicht das Endprodukt im Zentrum, sondern vor allem die Tatsache, dass Sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen und sie in kreatives Schaffen umwandeln konnten. Dies habe ich auch durch ihre Antworten in einem kurzen Auswertungsbogen erfahren, den ich den Jugendlichen gab. Rückmeldungen zur Frage „Warum hast Du mitgemacht und was kannst Du mitnehmen?“, haben mir meine Annahme bestätigt; wie z.B.:

„Ich konnte von meinen Problemen abschalten.“

„Selber Texte schreiben lernen und sie dann auch noch singen können.“

„Es hat mir Spass gemacht und es hat mir geholfen, ruhiger zu werden und nicht so viel Blödsinn im Kopf zu haben.“

„Mir war langweilig und so dachte ich, so kann ich das Rappen lernen.“

„Ich lernte, dass man auch über Liebe rappen und seine Gefühle aufschreiben kann.“

„Gute Ablenkung von meinen Problemen mit meiner Familie.“

„Man braucht viel mehr Geduld zum Rappen, als ich dachte.“

Anstoss bringt Erfolg
Diese Rückmeldungen gaben mir die Bestätigung ein Erfolg war, dass der Workshop, obwohl er anders verlief als geplant. Eins habe ich in der offenen Jugendarbeit gelernt: Schon nur der Anstoss, seine Gefühle ausdrücken und sie sogar kreativ in ein Lied umwandeln zu können, bringt Erfolg! Auch konnten die Beziehungen und das Vertrauen zu den einzelnen Jugendlichen gestärkt werden, was sich ebenfalls positiv auf die Mädels und Jungs auswirkt - wie auch auf die Arbeit mit ihnen. Aussagen und Momente wie diese berühren mich jedes Mal und machen die Arbeit mit den Jugendlichen so wertvoll. Denn darauf kommt es in unserer täglichen Arbeit schliesslich an: Die Jugendlichen ernst nehmen, ihnen Raum, Rahmen und Anstösse geben, andere Sichtweisen aufzeigen, sie motivieren und unterstützen. Und wenn dabei schon nur ein produktiver Samen gesät werden konnte, ist es die ganze Arbeit wert.

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