Von Albrecht Schönbucher, Co-Geschäftsführer BFA
Um die Zukunft der Jugendtreffpunkte und aller anderen ihrer Angebote muss der Basler Freizeitaktion aufgrund der jüngsten realen Entwicklungen eigentlich keineswegs bange sein: So belegt die vor kurzem vorgestellte Basler Jugendstudie die grosse Bekanntheit der BFA-Einrichtungen. Fast schon sensationell muten erst recht die Zahlen an, welche die intensive und hochtourige Nutzung unserer Jugendtreffs betreffen. Getrübt wird das Bild allerdings durch eine der geplanten jugendpolitischen Prioritäten für die Zukunft, welche unser Auftraggeber, das Basler Erziehungsdepartement, gesetzt und unlängst kommuniziert hat. Die Umsetzung dieses Plans könnte einen längst notwendig gewordenen Ausbau des BFA-Raum-Angebots vorerst in weite Ferne rücken lassen.
Eigentlich sieht es ja sehr erfreulich aus…
Doch wenden wir uns zunächst den guten Nachrichten zu. Die im Sommer 2009 erhobene und 2010 vorgestellte erste Basler Jugendbefragung brachte der Basler Freizeitaktion überaus erfreuliche Erkenntnisse. So schwankt der Bekanntheitsgrad der Jugendtreffpunkte zwischen 23 Prozent und 36 Prozent (in der Grafik unten gelb markiert). Auch das Sommercasino kannten 38 Prozent der befragten 11- bis 22- Jährigen. Und dies, obwohl 90 Prozent der repräsentativen Stichprobe von 881 Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahre alt war – somit sogar noch jünger als die eigentliche Zielgruppe des Jugendkulturzentrums. Immerhin 12 Prozent kennen die BFA-Jugendberatung, die ebenfalls fast ausschliesslich von jungen Leuten ab 18 genutzt wird. Dass sogar der kleine, bislang stark quartierorientierte Mädchentreff Mädona bei 12 Prozent der Basler Jugendlichen - und 16 Prozent aller Mädchen - bekannt ist, überrascht ebenfalls. Vor allem wenn man im Vergleich sieht, dass die nicht zur BFA gehörenden Jugendorganisationen (wie „Dalbeloch“, „Mobile Jugendarbeit“ oder „Eulerstroos Nüün“) maximal den gleichen Bekanntheitsgrad wie das Mädona geniessen.

Spektakuläre Resultate für die BFA
Fast schon spektakuläre Resultate ergab zudem die aus den Daten der Jugendbefragung errechnete Nutzungsquote der BFA-Jugendeinrichtungen. Lange gingen wir mangels präziser Daten in der Schweiz davon aus, dass ein Jugendtreff von allenfalls 5 bis 10 Prozent der potentiellen Zielgruppe eines Quartiers besucht würde. Diese Annahmen wurden nun bei weitem übertroffen: so gehen satte 20 Prozent aller Basler Jugendlichen, sprich jeder fünfte (!), selten oder oft ins Jugendhaus Dreirosen, 17 Prozent ins Bachgraben und 12 bis 14 Prozent in alle anderen Jugendzentren der Basler Freizeitaktion. 8 Prozent aller Mädchen (im Gesamtanteil der Befragten also 4 Prozent) nutzen das Mädona. Auch hier heben sich die Einrichtungen der BFA, gegenüber jenen der anderen Anbieter, deutlich hervor. Diese Daten müssen teilweise zwar mit einer gewissen Vorsicht bewertet werden (z.B. wurde nach dem Jugendtreff St. Johann gefragt, der Jugendlichen unter diesem Namen meist nicht geläufig ist – sie selbst nennen diese Einrichtungen „Badhüsli“ oder „Ragaz“), doch sie zeigen trotzdem deutlich auf, dass die umfangreiche und umfassende Erfahrung der BFA auf dem Sektor Jugendarbeit, die professionelle Vernetzung unter unseren Einrichtungen - sowie die damit verknüpfte stetige fachliche Weiterentwicklung bei den Zielgruppen - ankommen!

Gute Zusammenarbeit mit Wermutstropfen
Zu den erfreulichen Dingen zählt auch die insgesamt gute Zusammenarbeit mit unseren Auftraggebern im Erziehungsdepartement: Im Oktober dieses Jahres stellten die dortigen Verantwortlichen den subventionierten Organisationen im Kinder- und Jugendbereich ihre sehr konkreten Überlegungen zur künftigen Planung dieses Bereichs vor. Der Stellenwert, der unserem Arbeitsfeld - als einer Art pädagogisches Paralleluniversum zur Schulwelt - beigemessen wird, scheint demnach hoch zu sein. Explizit werden die besonderen Chancen hervorgehoben, die unsere offenen Angebote vielen Jugendlichen vermitteln - auch in Zeiten zunehmender Ganztagsbetreuung im schulischen Kontext. Ein Punkt jedoch trübt den Gesamteindruck aus Sicht der BFA beträchtlich: Künftig soll die Priorität auf aufsuchende offene Kinder- und Jugendarbeit gelegt werden.
Bitte nicht einseitig „aufrüsten“
Unbestritten ist aufsuchende Arbeit ein ganz wichtiges Arbeitsfeld; es wurde in Basel einst nicht zuletzt deshalb ins Leben gerufen – die BFA war dabei übrigens ein gewichtiger Player. Und selbstverständlich freuen wir uns darüber, dass unsere KollegInnen von der Mobilen Jugendarbeit in Basel seit zehn Jahren hervorragende Arbeit leisten. Bedenklich ist aber, wenn man bei den sich bestens ergänzenden Arbeitsfeldern der eher mobilen und der mehr räumlichen Ausrichtung einseitig „aufrüsten“ möchte: Dies würde bedeuten, dass zwei komplementäre Genres gegeneinander ausgespielt werden, unter den auch viele Schnittstellen und Abhängigkeiten bestehen. Denn eins darf auf keinen Fall vergessen werden: Noch immer gibt es nämlich einen eklatanten Mangel an Räumen, in denen Jugendliche sich treffen und verwirklichen können. Dies ist auch stets ein Thema, wenn man Jugendliche im öffentlichen Raum nach ihrem Bedarf befragt. Der beste Beleg hierfür sind die, in diesem Jahr noch einmal um über 40 Prozent gestiegenen Zahlen bei der Nutzung der Räumlichkeiten unserer sieben Jugendhäuser – in einigen sind die Grenzen des Machbaren längst erreicht!
Nutzungszahlen der BFA-Angebote explodieren
Wenn nun gesagt wird, mobile Arbeit erreiche Jugendliche, die nicht in die „klassischen“ Jugendeinrichtungen gehen, so trifft dies teilweise zu. Betrachten wir aber noch einmal die Grafik mit den Nutzungszahlen aus der Jugendbefragung, so erkennen wir, dass umgekehrt offensichtlich noch weitaus mehr Jugendliche von den Indoor-Angeboten angesprochen und erreicht werden. Alleine die Nutzungsquote des völlig überlaufenen Jugendtreffs Dreirosen liegt mit 20 Prozent um das fünffache über derjenigen für die gesamte mobile Jugendarbeit in Basel! Und gerade im eng besiedelten Kleinbasel mit seinen über 3000 Jugendlichen muss der Treff unter der Dreirosenbrücke mit seinen knapp 400 Quadratmetern für einen stark überwiegenden Teil dieses Bedarfs an Räumen herhalten, in denen Jugendlichen ihre Freizeit selbstbestimmt und das ganze Jahr über verbringen dürfen. Über den via BFA bereits 2006 ins gesamtstädtische Konzept Offene Kinder- und Jugendarbeit eingeflossenen notwendigen zusätzlichen Treffpunkt im oberen Kleinbasel redet seither auf Seiten des Kantons niemand mehr. Dies, obwohl die entsprechende Massnahme immerhin in zweiter Priorität im Konzeptanhang verankert ist; und obwohl wir seit langem gemeinsam mit der offenen Kinderarbeit vom Landhof beim Auftraggeber auf dieses Manko hinweisen.
Ordnung stiftender Faktor?
Aus Erfahrung - und weil auch wir in den Quartieren aufsuchend arbeiten - wissen wir: Mobile Jugendarbeit strahlt eine trügerische Verlockung auf politische Instanzen aus, sie gilt als Ordnung stiftender Faktor im öffentlichen Raum. Deshalb wird sie von Erwachsenen stärker wahrgenommen als die Jugendhäuser, die ihrerseits ihren NutzerInnen sehr viele, auf sie zugeschnittene Angebote bereitstellen: Die Crux dabei ist, dass dies von aussen oft weniger sichtbar wird. Provokativ gefragt: Werden hier vielleicht von den Erwachsene und ihren Institutionen Wünsche in die aufsuchenden Jugendarbeit projiziert, die sie – bei all ihren Verdiensten – nur schwer einlösen kann? Vor allem darf dabei die beträchtliche Ordnung stiftende Wirkung unserer Treffs nicht vergessen werden, in denen sich Jugendliche gern und stundenlang aufhalten, wobei sie die öffentliche Ordnung logischerweise nicht im geringsten stören…
Wir plädieren für eine Vertiefung dieser Diskussion
Insofern haben die 881 Basler Jugendlichen bei ihrer Teilnahme an der ersten Jugendbefragung vielleicht unbewusst an ihren ersten Wahlen teilgenommen und gezeigt, welche Bedeutung Jugendeinrichtungen und Räume für sie haben. Auf die Voten aus dieser stillen Abstimmung sollte die Politik hören! Im Wissen, dass die Diskussion gerade erst begonnen hat, die Planung bedarfsorientiert ist und das Erziehungsdepartement die Erkenntnisse seiner Partnerorganisationen mit berücksichtigt, plädieren wir unbedingt für eine Vertiefung dieser Diskussion. Angesichts der ermutigenden Ergebnisse aus der Basler Jugendbefragung blicken wir mit grossem Optimismus in die Zukunft!
Link zur Basler Jugendstudie: http://www.statistik-bs.ch/gesellschaft/bevoelkerung/jugend Grafiken: eigene Darstellungen der BFA aus Datenmaterial der Jugendbefragung



