Von Draussen nach Drinnen

Von George Hennig, Geschäftsleitung BFA

Jugend ist omnipräsent in den Strassen und Quartieren, und mobile JugendarbeiterInnen suchen den Dialog, coachen und vermitteln. Daneben gibt es Jugendtreffpunkte und -zentren, wo viel kreative Aktivität entstehen kann, die auf der Strasse so nicht möglich ist. Der alte Slogan „die Jugend von der Strasse holen“ kommt einem in den Sinn, und wirft sogleich Fragen auf.

Reclaim The Streets
Vor noch nicht allzu ferner Zeit wollten Politik und Öffentlichkeit „die Jugend von der Strasse holen“. Heute beklagen jugendfreundliche Kreise den „schwindenden Raum“ für Jugendliche. Verschiedentlich wird ein Gefühl der Unsicherheit geäussert, für das Jugendliche nachts auf Basels Strassen sorgen. Es gibt sie, die Gruppierungen, die sich in Parks, bei Schulhäusern oder Tramstationen treffen: Im Prinzip an einem x-beliebigen Ort, der - ursprünglich durch Zufall erkoren - durch Gewohnheit zu einer Stätte kollektiver Geborgenheitsrituale wird. Solche Orte sind „Kult“, Zuflucht und „Zuhause“. Sie haben eine Aura von „Echtheit und Freiheit“, weil sie von Jugendlichen zweckentfremdet, besetzt und temporär zum Zentrum ihrer „Übergangskultur“ bestimmt werden. Im öffentlichen Niemandsland entsteht so eine Art „Intimität“, die in „Indoor Settings“ selten möglich ist, weil der zu teilende Raum meist nur wenige Rückzugsmöglichkeiten bietet.

Nicht mehr wegzudenken
Der „Mobile Ansatz“ ist ein wesentliches Element moderner Jugendarbeit. Die „Kunst“ liegt dabei in der unaufdringlichen Annäherung, die Vertrauen schafft, die vermittelt und Angebote macht. Dies aufbauend auf Freiwilligkeit und den eigenen Ressourcen der Jugendlichen. Ein weiterer Anspruch mobiler Jugendarbeit liegt in der anwaltschaftlichen Haltung, die sich im Konfliktfall zwar in mediativer Weise einbringt, aber doch zugunsten der Jugendlichen parteiisch bleibt. Die Mobile Jugendarbeit verfügt über ein Netz an Kontakten, von dem sie Jugendliche profitieren lässt. Ob „Bunt Kickt gut“, „Midnight Basketball“ oder eine Beratungsstelle – sich einzulassen fällt wohl um einiges leichter, wenn einem das Angebot „auf halbem Weg“ entgegen kommt. Vor allem können mobile Einheiten der (Selbst-)Ausgrenzung Jugendlicher entgegenwirken, indem sie mit elastischen Strukturen aufsuchen und integrieren.

Willkommen und geduldet
Von Zeit zu Zeit werden also die sich draussen aufhaltenden Jugendlichen von mobilen JugendarbeiterInnen aufgesucht, was bei den Jugendlichen zwar nicht primäre Erwartung, aber doch in mancher Hinsicht willkommen ist. Allerdings nicht immer. Denn einer der Hauptgründe für Jugendliche, sich draussen aufzuhalten, ist der Versuch, sich erwachsenen Einflüssen zu entziehen. Die Kids sind draussen unbeaufsichtigt und es besteht kein Konsumzwang. Weder in der Familie noch in der Schule, geschweige denn in Restaurants oder Clubs sind Szenarien möglich, die keinen gesellschaftlichen Normen standhalten müssen. Jugendliche sind zum Teil auch deshalb draussen unterwegs, weil sie keinen Bock auf „Jugis“ samt „Sozis“ haben. Und längst nicht alle sind begeistert, wenn sie von Streetworkern auf „freier Wildbahn“ angequatscht werden. Hier wird nun ein Dilemma spürbar, das die JugendarbeiterInnen auf öffentlichem Grund auch zu Eindringlingen macht. Jugendkulturarbeit ist immer ein “Auswärtsspiel“. „Mobile“ erst recht.

Fragen und Erwartungen
Die „enge“ Finanzlage des Kantons bewirkt eine Art Konkurrenzsituation zwischen mobilem und stationärem Ansatz, wenn es um das Nachweisen des Entwicklungsbedarfs geht. Dabei könnte die Mobile Jugendarbeit den - in gewisser Weise statischen - Jugendzentren vorhalten, dass sie etliche, vielleicht bedürftige Jugendliche nicht erreichen. Umgekehrt könnte aus Jugi-Sicht argumentiert werden, die Mobile Jugendarbeit beschränke sich auf „erste Hilfe“ im psychosozialen Bereich, das Vermitteln von Kontakten und - ob dafür zuständig oder nicht - das „Mit-Regulieren“ von Ruhe und Ordnung im Quartier… Zerrbilder? Oder sind diese Bilder mitunter näher an der Realität als wünschbar? Laut Absichtserklärung der Mobilen Jugendarbeit geht es auch um die (Rück-)Eroberung öffentlichen Raums durch Jugendliche. Will also die „Mobile“ Jugend im öffentlichen Raum „ansiedeln“? Oder: Was fällt dem Jugendzentrum zu einer Klientel ein, der die (niedere) Schwelle ins Jugi bereits zu hoch ist? Inwieweit decken sich die Erwartungen der Öffentlichkeit an die Mobile Jugendarbeit überhaupt mit den Ansprüchen der Jugendlichen? Oder wie weit liegen hier die Hoffnungen der einen Seite und die Bedürfnisse der anderen auseinander? Was wünschten sich Jugendliche, so sie gefragt würden: Mehr Begleitung draussen oder mehr Räume?

Von Draussen nach Drinnen
Die vom Kanton ausgegebenen Schwerpunkte für die nächsten Jahre priorisieren die aufsuchende Jugendarbeit, ohne dass dies der Planungsbericht zur offenen Kinder- und Jugendarbeit, der ja ebenfalls aus der „Küche“ des Kantons stammt, nachvollziehbar begründet. Auf der anderen Seite steht die Erfahrungslogik der festen Einrichtungen, die von Indoor-Nutzungsvarianten ausgeht, welche draussen schlicht unmöglich sind. Dabei besteht eine Auffälligkeit, über die sich schwer diskutieren lässt: Wenn beim Kontakt mit Jugendlichen der Wunsch entsteht, gestalterisch in irgendeiner Art und Weise aktiv zu werden, dann drängt dieser Wunsch in Richtung Indoors-Angebot, von „Draussen nach Drinnen“, und niemals umgekehrt. Die BFA hat mit ihrem Modell Basel-West, das beide Elemente verbindet, einen zukunftsträchtigen Weg eingeschlagen. Beide Bereiche präsentieren hier ihre Stärken, die sie dem jeweils anderen voraus haben, als komplementäre Qualität; als effiziente Teamplayer! Die Erkenntnisse, dass die „Mobile“ zwar auch schwer erreichbare Jugendliche zu integrieren vermag, dass die stationären Angebote demgegenüber aber ein immenses Plus an edukativen Angeboten aufweisen, die dort ansetzen, wo die mobilen Möglichkeiten enden, können nur einen Schluss zulassen: Der vielversprechendste Ansatz kann nur über eine Kombination beider Sparten führen, im Sinne eines gut abgestimmten Zusammenspiels von Jugendzentren und aufsuchenden Einheiten.