Liebe Leserinnen und Leser

Neulich habe ich im Tram eine ältere Dame belauscht, sie sagte zu ihrer Begleiterin: „Ach die lärmige Musik dieser Jungen. Für mich ist das gar keine Musik, sondern tönende Umweltverschmutzung, wer sich das anhört wird ja wahnsinnig.“ Wie alt mag sie sein? Unter achtzig, vermute ich. 75 vielleicht...? Elvis Presley wäre heute 76 Jahre alt, James Brown wäre heute 76 Jahre alt, John Lennon wäre immerhin 71... Schon interessant. Ich selbst bin 46 Jahre alt. Und als ich ein ganz junger Teenager war, hat der Vater eines Kollegen, bezüglich der Rolling Stones, die wir uns gerade anhörten, triumphierend zu uns gesagt: „Für mich ist das keine Musik, sondern eine Krankheit, ich nenne sie Magen-Darm-Musik. Das ist höchstens organisierter Lärm!“ Gewisse Dinge ändern sich offenbar nie...

Von Christian Platz, BFA-Vorstand

Das ist doch keine Musik mehr! ...
das ist auch gut so. Jugend hat das Recht sich abzugrenzen. Das gehört paradoxerweise eben gerade zu einer gesunden Sozialisierung. Und Musik ist seit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg eine wichtige symbolische Zutat dieser Abgrenzung geworden. In dieser Zeit sind viele neue Musikstile aufgetaucht. Zunächst wurde der Jazz immer radikaler, Charlie Parker (Jahrgang 1920) und seine Bebop Cats spielten gewagte Sachen, die vorher nie gehört worden waren. Diese erste Grenzziehung hat mein Grossonkel Ernst, Jahrgang 1903, bis an sein Lebensende mit folgenden Worten kommentiert: „Louis Armstrong war ein grandioser Musiker – dieser moderne Tschäss ist doch nur furchtbarer nervöser Lärm...“

„Das tönt wie Krieg!“
Fridolin hingegen, ein Freund meiner Eltern, Jahrgang 1938, liebte Bebop, er war ein richtiger Fan. Für ihn waren elektrische Gitarren der grosse Sündenfall, er sagte: „Dieser Rock, das tönt doch wie Krieg, da ist kein Gefühl mehr dabei. Das ist hirnlos!“ Meine Eltern (Jahrgänge 1940 und 1943) hingegen, konnten mit der Rockmusik der Beatles- und Stones-Periode durchaus etwas anfangen: Aber an der nächsten Generation, Bands wie Black Sabbath oder Led Zeppelin, hatten sie keine Freude. Meine Mutter sagte einmal über einen Hardrockplatte, es war ein Thin-Lizzy-Album, die ich mir gerade anhörte: „Das ist doch Musik für Primitivlinge; willst Du so einer sein?“ Meine Gitarrenlehrerin hingegen, Jahrgang 1945, mochte Hardrock. Doch dann kam Punk! Sie sagte: „Diese Affen mit ihren drei Akkorden können ja gar nicht spielen!“

„Furchtbar dumpf!“
Meine gleichaltrigen Freunde und ich waren totale Rockfans. Wir hörten uns vieles an, von Aerosmith bis Zappa, von Sex Pistols bis Hüsker Dü. Als HipHop in unseren Breitengraden Mitte der 1980er Jahre aufkam, waren viele von ihnen extrem streng: „Dieser ewig gleiche Beat mit diesem Gelalle dazu, unerträglich. Das ist doch keine Musik mehr!“ Kaum war HipHop offiziell zur tauglichen Kulturform erklärt worden, kam Techno. „Furchtbar dumpf, kein Groove, keine Botschaft...“, sagten die Rap Fans.

Schlechtes Gewissen...
Doch wo stehen wir heute, nachdem die Postmoderne gekommen und gegangen ist? Heute, wo es fast unmöglich ist, einen originären neuen Stil zu kreieren? Heute, wo alles aus Mischungen und Zitaten besteht? Kann Musik noch ein probates Mittel in Sachen Abgrenzung sein? Vor etwa 10 Jahren hatte ein gleichaltriger Freund von mir ein schlechtes Gewissen, weil ihm die Marylin-Manson-CD seines Sohnes auch so gut gefallen hat; er jammerte: „Wenn ich mir das auch anhöre, kann er sich doch in kultureller Hinsicht gar nicht mehr gegen mich durchsetzen.“

...und Inspiration
Für mich als Musikfan ist diese Situation eigentlich sehr inspirierend: Der Friede zwischen den Stilen könnte einkehren, die gegenseitige Befruchtung. Ich musste schmunzeln, als ich neulich hörte, dass einige „unserer“ Kids in den BFA Jugendzentren einen „gaaaanz neuen“ Stil namens Jerk tanzen. Sorry Kids, den Jerk gab’s schon in der Soul Szene der frühen Sixties: Die Soulgötter James Brown und Rufus Thomas (Jahrgang 1917) haben ihn mit mächtigen Stimmen besungen. Da schliessen sich Kreise. Aber leider gehöre ich zu den Erwachsenen, die man mit neuen Popstilen nur sehr schwer erschrecken kann: Es macht mich etwas traurig, dass es Neonazis gibt, die Punk (ausgerechnet) mit rassistischen Texten singen, aber das wär’s dann etwa schon. Ist die Geschichte mit der kulturellen Abgrenzung durch Musik also gelaufen? Nicht ganz. Die ältere Dame aus dem Tram macht standhaft weiter. Und irgendwie bin ich ihr dankbar dafür! Ihre Bemerkung hat auf mich immerhin einen schönen Effekt: Ich fühlte mich für einen Moment jünger...

Ich wünsche Ihnen allen viel Vergnügen mit diesem BFA-Newsletter – und wünsche ihnen zudem einen wunderbaren Sommer!

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