Von Christian Platz, Vorstandsmitglied der Basler Freizeitaktion
Für die Basler Freizeitaktion geht ein intensives Jahr zu Ende. Ein Jahr, in dem sich die Organisation auf vielen zentralen Feldern neu aufgestellt hat – dies unter Einbezug der gesamten Mitarbeiterschaft: Dadurch ist eine Aufbruchstimmung entstanden, die anhält. Mit einer neuen Geschäftsleitung, neuen Modellen und voller Tatendrang starten wir ins Jahr 2011. Es ist die ausgesprochene Strategie der BFA, unsere Mitarbeitenden in vielerlei Hinsicht zu ermächtigen: Sie sind nämlich die eigentlichen Expertinnen und Experten für die vielschichtige, komplexe, wichtige Arbeit, die in unseren Einrichtungen für die Basler Jugend geleistet wird. Deshalb sollen unsere Leute ihre Visionen, Ideen, Vorschläge auch unkompliziert in ihr tägliches Werk einbringen können. Unser neues Geschäftsführungsmodell dient dazu, dies nach Kräften zu fördern. Jawohl, die BFA ist für die Basler Jugend da. Dies beweisen auch die spektakulären Zahlen einer Studie, welche Albrecht Schönbucher, einer unserer Geschäftsführer, in diesem Newsletter eindringlich vorstellt. Wir arbeiten potenzialorientiert. In der Jugend sehen wir vor allem eins: Unsere Zukunft! Deshalb distanzieren wir uns sowohl von pauschalen Klagen über Jugendliche - von übertriebenen Ängsten und Rufen nach Repression, wie sie momentan vielerorts im Schwange sind -, als auch von einer realitätsfremden Romantisierung brennender Jugendproblematiken, die in anderen ideologischen Lagern geübt wird. Die BFA sieht sich als Anwältin der Basler Jugend! Deshalb geht sie von erlebten Realitäten aus und schafft in ihren Einrichtungen lebbare Konstrukte – jenseits aller ideologischen Grabenkämpfe erwachsener Meinungsmacher.
Die üblichen Verdächtigen: Die Jugendlichen!
Es ist schon wahr: Viele gesellschaftliche Probleme manifestieren sich unter Jugendlichen auf besonders zugespitzte Art und Weise. Junge Menschen leben und denken in einer fragilen Zone zwischen Adaption und Rebellion, sie verinnerlichen die Erwachsenenwelt, hinterfragen sie aber gleichzeitig: So halten sie uns mit ihren Fragen, berechtigten Abgrenzungsversuchen und Ansprüchen immerfort auf Trab. Gleichzeitig halten sie uns einen gnadenlosen Spiegel vor, der unsere Selbstverständlichkeiten oft in einem schrägen Licht erscheinen lässt, was wir manchmal nur mit Mühe ertragen. Jugendliche verfügen nämlich über einen scharfen Blick für Doppelmoral, leer gewordenen Konventionen und gesellschaftliche Heuchelei. Gleichzeitig übernehmen sie von der Erwachsenenwelt Wünsche, Träume, Lebensstrategien – und werden von der Wirtschaft als Kundinnen und Kunden umworben wie nie zuvor. Niemand wird wohl ernsthaft bestreiten wollen, dass wir momentan in schwierigen Zeiten leben, dass gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten, auf die wir wichtige Teile unserer Biographien gebaut haben, plötzlich in Frage stehen wie seit Jahrzehnten nicht mehr, dass unsere Welt um einiges schwieriger geworden ist, als dies noch vor wenigen Jahren der Fall war. Die gesellschaftliche Solidarität, der Zusammenhalt innerhalb der arbeitenden Bevölkerung, die individuelle und die öffentliche Sicherheit scheinen plötzlich auch im Herzen Europas wieder gefährdet zu sein. Während sich in Entwicklungsländern noch tiefere Abgründe und Missstände auftun, welche nach Lösungen schreien, die momentan niemand bieten kann. Das Gesamtbild hängt, etwas frivol gesprochen, ganz schön schief. Und es ist schon auf traurige Weise bemerkenswert, dass die so genannte öffentliche Meinung die Schuld dafür oft genug bei den real schwächsten Elementen der Gesellschaft festmachen will, bei Migrantinnen und Migranten beispielsweise – und natürlich bei den üblichen Verdächtigen: Den Jugendlichen!
Ist Jugend einfach ein Problemfeld?
Diese Jugendlichen sind – so ein medial gerne und genüsslich zelebriertes Bild - anscheinend vor allem konsumgeil, besoffen, auf Drogen, konsumieren unreflektiert mediale Sex- und Blutorgien... Zudem verüben sie auch noch fortwährend „Jugendgewalt“, ich finde dieses Wort, in dem sich eine unerhörte Heuchelei manifestiert, übrigens besonders grauenhaft. Auch sonst werden den Kids vor allem Problemfelder zugeordnet, ganz global: In der reichen Schweiz bekämpfen wir „Jugendarbeitslosigkeit“, viele ärmere Nationen müssen gleichzeitig gegen „Kinderarbeit“ vorgehen... (Trotzdem möchten wir eigentlich alle immer jugendlich wirken bis ins hohe Alter hinein; wollen rocken&rollen bis unsere letzte Stunde schlägt...) Fragen über Fragen: Sind die Jugendlichen den vielzitierten Anforderungen der Wirtschaft, des Marktes von heute (und erst recht morgen) überhaupt gewachsen? Oder ist es dringend notwendig, den Chemieunterricht nun bereits im Kindergarten einzuführen, auf dass die Kids dereinst einem exzessiven globalen Wettbewerb überhaupt standhalten können? Die Ansprüche „Der Wirtschaft“ werden dabei übrigens kaum mal in Frage gestellt – die Ansprüche der jungen Menschen nur selten wirklich angehört... Ist Jugend also einfach ein Problemfeld? So wie globale Erwärmung? Eine Problemstellung, auf die Antworten gefunden werden müssen - zwischen hervorragender, konkurrenzfähiger Ausbildung (für die globalen Wettbewerbshamsterräder einer genauso technokratischen wie distopischen Version der Zukunft) und wirksamer Repression, die unserer Gesellschaft anscheinend wieder mehr Ruhe und Ordnung bescheren könnte?
Humanitäres Menschenbild, differenzierte Betrachtungsweise
Es wird Sie, liebe Leserin, lieber Leser, wohl kaum verwundern, dass ich all diese rhetorischen Fragen mit einem kapitalen NEIN beantworten muss – sonst würde ich mich wohl kaum im Vorstand der BFA engagieren. Unser Ansatz hat zwar überhaupt nichts mit „Kuschelpädagogik“ – auch so ein Unwort, das leider vermehrt Eingang in die Medien gefunden hat - zu tun, aber wir schliessen uns auch keineswegs jener Seite an, die nach repressiver Erziehung schreit. Die Wahrheit würde doch eigentlich auf der Hand liegen: In der Jugendarbeit gibt es selbstverständlich Zonen, die nach einem weichen, sensiblen, emphatischen Vorgehen verlangen – es gibt andere, die Autorität, Konfrontation und Regelsetzung verlangen. Die Mitarbeitenden der BFA haben selbstverständlich beides im Repertoire. Aber – und das ist noch viel wichtiger – sie können auch alle Zwischentöne spielen, die im realen pädagogischen Alltag viel häufiger und eindringlicher verlangt werden. Für uns gibt es wohl einige gewalttätige, schwierige Jugendliche, die wir real konfrontieren müssen, mit einem Netz von Partnerorganisationen zusammen, wir sind durchaus für repressive Massnahmen und für Strafen, wenn sie notwendig sind – aber deshalb pauschal von „Jugendgewalt“ zu sprechen, liegt uns fern. Denn Gewalt, die von jungen Menschen verübt wird, ist immer ganz direkt von erwachsenen Vorbildern abgeleitet. Wir wissen um die Komplexität moderner Medien- und Konsumangebote, allesamt von Erwachsenen hergestellt, die für die Jugendlichen ganz neue Fragen aufwerfen: Wir wissen aber auch, dass Verbote in diesem Bereich nur wenig bewirken - vielmehr ist verantwortungsbewusste Begleitung gefragt, welche junge Menschen dazu ermächtigt, kritische und (selbst-)bewusste Konsumentinnen und Konsumenten zu sein. Wir wissen um die Probleme der Ausbildung und um die Ansprüche der Wirtschaft, jenseits davon wollen wir den Jugendlichen aber Ausgleiche bieten, die vor allem ihre menschliche Entwicklung fördern, auf dass jene, vor lauter globalem Wettbewerb, nicht auf der Strecke bleibt.
Das gesamte menschliche Spektrum
Nein, die Mitarbeitenden der BFA erleben die Jugend nicht als Problemfall, sondern als aufgeweckte und kreative Kundschaft, die unter den momentanen globalen Problemen genauso leidet wie die erwachsene Gesellschaft. Wir üben uns sicher nicht selbstzweckhaft in Kontrolle und Repression: Aber wir bieten sinnvolle Lebens- und Erfahrungsräume an - in denen wir humanitäre Grundwerte durchsetzen -, die von tausenden jungen Menschen gerne genutzt wurden und werden. Dabei erleben wir das gesamte menschliche Spektrum – und reagieren flexibel auf die Bedürfnisse unserer Kundschaft: Geleitet von einem humanitären Menschenbild, einer differenzierten Betrachtungsweise – und von der Sorge um künftige Entwicklungen, die auch wir nicht alleine steuern können. Was wir aber leisten können, ist das Vermitteln von Werten. In der Hoffnung, dass diese auch in Zukunft als Leuchttürme gegen jene fortschreitende gesellschaftliche moralische Umnachtung wirken können, vor der sich viele Menschen zur Zeit – und zu Recht – fürchten. Mit der Diffamierung schwächerer Gesellschaftsanteile, mit hysterischem Geschrei nach Repression und Kontrolle, mit einfachen, autoritätsorientierten Lösungsansätzen für hochkomplexe Probleme und blinder Marktgläubigkeit werden wir jedenfalls nicht weiter kommen, sondern wohl noch schneller in die Nacht fahren. Aber wir könnten ja gemeinsam an einer besseren Zukunft arbeiten, in erster Linie für alle lebenden, denkenden, fühlenden Menschen - in zweiter Linie dann auch gerne für jenes ominöse Abstraktum, dass da Wirtschaft oder Markt heisst.
Die Basler Freizeitaktion ist nach wie vor bereit, ihren Teil dazu beizutragen.
Frohe Weihnachten
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen frohe Weihnachten, ein gutes neues Jahr – und uns allen eine Zukunft im Zeichen der Menschlichkeit! Von Herzen danke ich unseren Partnerorganisationen, unseren staatlichen und privaten Geldgebern, danke allen, die uns 2010 geholfen, uns unterstützt und sich für uns interessiert haben. Meinen guten Wünschen möchte ich noch ein Zitat beigeben, aus einem Song der weltberühmten kanadischen Rockband „Rush“ (von 1977), verfasst vom Über-Schlagzeuger Neil Peart:
„And the men who hold high places
Must be the ones who start
To mould a new reality
Closer to the heart
The blacksmith and the artist
Reflect it in their art
They forge their creativity
Closer to the heart“



