Wenn Vorurteile nicht standhalten können:

„Im Jugi lernt mein Kind nur kiffen und Alkohol trinken!“

Von Anja Huber, Jugendzentrum Badhuesli S.Johann

Wenn Passantinnen, Passanten an unserem Jugendzentrum Badhuesli im St. Johann vorbei gehen, dann sehen sie vielleicht eine Gruppe von Jugendlichen die an der Seite des Jugendzentrums herumstehen und rauchen. Eventuell sind auch noch ein paar Ältere dabei, die Alkohol trinken. Ein Alltagsbild unserer Zeit - das auch uns Sorgen bereitet, das auch unserem Image nicht besonders gut tut -, mit dem wir offenbar leben müssen: Denn eigentlich wollen wir diese Szene gar nicht vor unserem Haus haben. Wir diskutieren regelmässig mit diesen jungen Leuten – viel mehr können wir nicht tun: Das Trottoir ist öffentlicher Raum, gehört deshalb ja eigentlich gar nicht zu unserem Gelände. Und es ärgert mich, wenn solche Szenen davon ablenken, wie viel wertvolle Arbeit hinter den Mauern des Badhuesli Tag für Tag geleistet wird. Im folgenden Text möchte ich Sie deshalb auf eine Tour durch einige unserer vielfältigen Inhalte mitnehmen….

Tragfähige Beziehungen, gegenseitiger Respekt
Die Jugendlichen kommen freiwillig zu uns, um ihre Freizeit im Jugendzentrum Badhuesli zu verbringen. Viele von ihnen kommen regelmässig. Bei gemeinsamen Spielen und Gesprächen entstehen tragfähige Beziehungen. Wir legen im Alltag unseres Hauses grossen Wert auf gegenseitigen Respekt und einen angemessenen Umgangston. Mit einigen Jugendlichen müssen wir das Verhalten, das sie an den Tag legen, reflektieren und korrigieren. Bei uns lernen die Jugendlichen ein gewaltfreies und respektvolles Miteinander. Zudem müssen sie sich in konstruktiver Konfliktlösung üben. Wir haben im Jugendzentrum klare Regeln und setzen diese auch durch. Für die Mehrheit der Jugendlichen stellt das Einhalten dieser Regeln kein Problem dar. Doch wir haben auch Gruppierungen im Haus, bei denen wir sehr genau hinschauen müssen.

Nur Parties und saufen im Kopf…
Diese Gruppen bestehen meistens aus jungen Männern, die schon zu ihren Schulzeiten negativ aufgefallen sind. Einige von ihnen haben nicht einmal einen Schulabschluss. Sie haben grosse Mühe eine Lehrstelle zu finden. Falls sie mal eine finden, kommt es beim einen oder anderen zu einem Lehrabbruch. Es sind Jugendliche, wie sie die Medien oft und gerne zeigen: Arbeitslos, unmotiviert, frech - nur Parties und Saufen im Kopf.

doch hinter der Fassade sieht es anders aus
Während meiner Beratungen sehe ich aber nur allzu oft hinter die ruppigen Fassaden. Ich sehe junge Männer, die den Glauben an sich und die Gesellschaft verloren haben. Aus ganz verschiedenen Gründen. Oft stecken schwierige Lebensumstände dahinter, die über Jahre hinweg andauern. Ihre negativen Selbstbilder prägen sie derart stark, dass sie sich nichts mehr zutrauen. Nicht einmal den Gang zu einer Beratungsstelle. Zudem stecken viele von Ihnen in einer Schuldenspirale, weil sie gegen aussen stets versuchen, ein positiven und starken Auftritt aufrecht zu erhalten. Das kostet oft viel Geld. Geld, das sie nicht haben. Um diesen stetigen Druck auszuhalten, ihre Probleme zu vergessen greifen sie zu Alkohol und Drogen. Einige von ihnen machen bald die Erfahrung, dass sie mit kleinen Drogendeals auch Geld verdienen können. Der Teufelskreis wird dadurch jedoch nur noch enger. Die Einsicht folgt oft sehr spät.

Wir suchen nach Lösungswegen
In meiner Beratungstätigkeit begleite ich diese Jugendlichen. Während unserer Einzelgespräche im Büro erzählen sie mir ihre Sorgen. Wir suchen dann gemeinsam nach Lösungswegen, erörtern dabei ihre persönlichen Ressourcen. Dabei geht es darum, sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren: Sie an die entsprechenden Stellen und Organisationen zu vermitteln, sie wieder zu motivieren und aufzubauen. Zusammen füllen wir also Formulare für Ämter aus, schreiben Briefe an Behörden, Bewerbungsschreiben oder üben Vorstellungs- und Telefongespräche. Ziel ist es immer, dass die Jugendlichen dies in Zukunft alles selber tun können oder zumindest wissen, wo sie Hilfe bekommen und auf was sie achten müssen: Hilfe zur Selbsthilfe. Wir unterstützen jedoch nicht nur die Schwächsten, sondern auch jene, welche schulisch gut vorankommen, jedoch punktuell in einigen Fächern Unterstützung benötigen: Sei es bei der konkreten Vorbereitung für Prüfungen, bei schriftlichen Arbeiten oder einfach bei den alltäglichen Hausaufgaben.

Herzschmerz, Probleme, Glaube, Sexualität
Manchmal geht es aber auch um Herzschmerz, um Probleme zu Hause oder Fragen zu Politik, Glaube, Sexualität und vieles mehr. Wenn uns im Team auffällt, dass ein schwieriges Thema den Treffalltag zu prägen beginnt, zu einem eigentlichen Schwerpunkt anschwillt, dann organisieren wir gezielt Themenwochen dazu. Dabei können sich die Jugendlichen auf spielerische und unkomplizierte Weise neues Wissen aneignen. In der Offenen Jugendarbeit, wie wir sie pflegen, entscheiden die Jugendlichen immer selber, ob sie ein Angebot annehmen wollen oder nicht. Somit sind sie oft offener und unvoreingenommener für wichtige Themen, als zum Beispiel im schulischen Umfeld oder daheim. Ein Vorteil der offenen Jugendarbeit, den wir als Gesellschaft auch weiterhin unbedingt nutzen sollten.